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Disco sucks again!

Der nächste Disco-Backlash kommt bestimmt. Bei Hercules And Love Affair sind sich aktuell Hipster, MeinungsmacherInnen und nicht zuletzt TänzerInnen in ihrer Euphorie geradezu verdächtig einig. So einig, dass man sich wiederum vor heftigen Gegenreaktionen in naher Zukunft fürchten könnte. Die müssen nicht gleich so weit gehen wie bei den "Disco Demolition Nights" Ende der 70er Jahre, als in Football-Stadien ganze Berge von Dance-Maxis in die Luft gejagt wurden. Aber die Monokultur von weißen Jungs, die Rock'n'Roll machen, hat in den letzten Jahren gezeigt, dass man von einer breiten Akzeptanz minderheitlicher, Gender-bewusster oder queerer Popmusik immer noch meilenweit entfernt ist.

Die kollektive Begeisterung rund um Hercules And Love Affair ist daher tatsächlich ein Großereignis. Auf dem Hercules-Debütalbum lässt der New Yorker Andrew Butler gemeinsam mit drei SängerInnen und DFA-Produzent Tim Goldsworthy die goldenen Zeiten der Tanzmusik wiederauferstehen. Schon formal passt alles ganz großartig: die liebevollen Zitate, die wie Verbeugungen vor Butlers großen Helden wirken, die extravaganten Seitenschlenker auf einer Soundreise, die von den 70ern bis in die frühen 90er alles mitnimmt: Disco-Streicher, die Oktavbässe von Synthie-Pop, die Claps von frühem Chicago-House und poppige Techno-Harmonien fließen in eins. Das Tolle daran: Trotz all dieser schönen Verweise bleibt Butler nicht an der Oberfläche kleben. Er geht sehr bewusst mit den jeweiligen Bedeutungsebenen um und bricht sie auf eine persönliche Sichtweise herunter.

Damit schließt er direkt an eine popkulturell äußerst virulente Phase an - gerade in NYC mit seiner Vermischung von Post Punk, No Wave und schwuler Disco-Szene -, in der progressive und inhaltlich avancierte Musik auch kommerzielle Erfolge feiern konnte. Ein bisschen Wehmut schwingt beim Hören mit. Aber vielleicht ist die Nostalgie ja doch noch das, was sie früher einmal war. Auch wenn Andrew Butlers Projekt nicht in einem ästhetischen Sinne radikal sein mag, so ist es doch radikal gut. House und Disco funktionieren bei Hercules And Love Affair wieder als Soundtrack der Emanzipation.

Dabei brillieren Butler und die VokalistInnen auch in einer Disziplin, die seit dem großen Durchbruch von Techno nicht gerade Konjunktur hatte: Songwriting für den Dancefloor. Hier hilft natürlich die unverkennbare Stimme von Antony Hegarty (Antony And The Johnsons), die auf Oldschool-House-Beats passt wie eine Federboa um den Hals von Disco-Darling Sylvester. Damit entwickelt die Hercules-Familie Crossoverpotenzial bis hinein in die Felder von Neo Folk und Chamber Pop.

Vielleicht bleibt der Backlash diesmal ja sogar aus, wer weiß. Schließlich haben die Cultural Studies bereits in den 70ern über die emanzipatorische Kraft der Aneignung aufgeklärt. "Disco sucks" könnte durchaus ein Ausruf des Entzückens sein.

www.dfarecords.com
www.herculesandloveaffair.com
 
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last updated: 2009.08.26, 12:29