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fabrice lig - the master of fieps
interview

Fabrice Lig ist ein wirklich netter Typ. Bei unserem Treffen in einem Kölner Hotel verfallen wir gleich in Plaudereien über Festivals, coole Soul- und HipHop-Platten und Producer aus Detroit. Verdammt, denke ich irgendwann, jetzt muss ich endlich die Kurve zu Ligs eigenem neuen Album "My 4 Stars" (Kanzleramt) kriegen, sonst ist die kurz bemessene Zeit schon wieder rum und meine MD bloß voll mit sympathischem Smalltalk. Doch er beruhigt mich. Den Termin, der nach unserem Gespräch angesetzt ist, muss er nicht so streng einhalten, viel wichtiger ist ihm, so lange und ausführlich wie möglich über seine Arbeit und Leidenschaft zu sprechen. Und das macht er dann auch.


Dein drittes Album "My 4 Stars" ist nicht unbedingt typisch für Kanzleramt, zumindest nicht das, was man gemeinhin erwarten würde. Es ist z.T. sehr relaxed und mellow, nicht nur straight-forward und massiv.

Ich habe die Stücke nicht speziell für Kanzleramt geschrieben, ich denke nicht im Voraus an ein bestimmtes Label, wenn ich etwas produziere. Das mag ich nicht. Ich mache einfach meine Musik. Wenn einem Label das gefällt und sie es rausbringen wollen - gut. Heiko [Laux] hat mich natürlich nach einem Album gefragt, und ich habe gesagt, klar kann ich machen. Aber ich denke dann nicht, weil es für Kanzleramt ist, muss es ordentlich schnell und speziell für den Dancefloor sein. Egal welches Label, ich will dass es meine Musik, dass es einfach Fabrice Lig ist. Das ist vielleicht nicht der einfachste Weg, vielleicht ist "My 4 Stars" auch nicht das Album, das die Leute von Kanzleramt erwarten, aber das finde ich auch gut so. Es wäre doch doof, einfach den Sound des Labels zu reproduzieren. Es ist besser, was Anderes einzubringen.

Ich finde es ruhiger und relaxter auch im Vergleich zu dem Album "Roots Of The Future", das erst im Oktober 2003 auf Raygun erschienen ist, und auch zu deinem Souldesigner-Album für F-Com.

Es ist für mich selbst schwierig, das zu beurteilen. Ich bin nicht sicher, aber vielleicht ist es musikalischer, denn ich habe wirklich viel an Melodien und Akkorden gearbeitet. Ich denke, es klingt melodischer, und deshalb bin ich auch sehr glücklich darüber. Ich möchte in dieser Hinsicht noch weiter gehen, auch wenn ich eigentlich kein Musiker bin. Durch diesen melodischeren, musikalischeren Aspekt empfindest du es vielleicht als relaxter. Aber wenn du andererseits Stücke wie "Los Picaros" oder "Tapioca" hörst, es ist ja alles im 4/4-Rhythmus und über 125 bpm schnell, also auf jeden Fall Dancefloor. Aber ich mag es, wenn die Leute es als ruhiger empfinden, warum nicht?

Ich dachte da beispielsweise an die Stücke "Back To Tha D." und "In My Arms".

Ja, das verstehe ich. Es ist lustig: Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich ein echter Techno-Producer bin, ich kümmere mich nicht so speziell um den Style. Wenn du meine Platte einem House-Typen gibst, sagt er: Hey, das ist richtiger Dancefloor-Stuff. Gibst du sie einem Technoguy, sagt er: Oh, das ist schön zurückgelehnt. Je nachdem, wie du sie eben anhörst. Und das mag ich.

Deine Musik ist so ein bisschen dazwischen, in between...

Ja, genau. Und ich denke, das ist überhaupt meine Position: zwischen House und Techno oder was auch immer. Ich denke am Anfang nicht so viel darüber nach, wenn ich produziere. Das stelle ich selbst erst danach fest. Ich hab ja sogar einen HipHop-Track für das Album gemacht.

Genau, da wollte ich nachfragen, ob es bestimmte Verbindungen und Affinitäten gibt. Möchtest du auch mehr Breakbeats machen?

Eigentlich nicht, es ist eher wie ein Spiel. Ich mag HipHop sehr, ich mag die Power von langsamen Sachen. Wenn es langsam und richtig laut ist, dann ist es auch wirklich powerful, manchmal auch mehr als schneller Kram. Und es ist eine andere Produktionsweise, das ist sehr interessant. Die Songs sind sehr laut, man mischt es auch anders, weil so viel Platz zwischen den Beats ist. Deshalb mag ich das. Ich bin kein Freak, der den ganzen Tag HipHop hört und auch kein Experte, aber es gefällt mir sehr, wenn es funky ist.

Das Vocal-Sample bei "Los Picaros", ich hab's leider nicht ganz verstanden, weil es nicht besonders laut ist und viel Hall drauf liegt, aber es klingt wie eine Rede eines Civil-Rights-Aktivisten. Versuchst du damit, sowas wie Consciousness in deine Musik zu bringen? Ist das eine Referenz an die Detroiter Producer, an die Probleme mit denen sie täglich zu tun haben und die sie in ihrer Musik verarbeiten?

Ja, es ist eine Referenz. Ich hab das Sample von einer alten Anthony-Shakir-Platte. Wie du sagst, die Stimme eines Black Activist. Es ist nicht ganz so ernst für mich wie für die Detroiter, für die solche Reden wirklich wichtig sind. Sie leben in ihrer Community, leiden unter Rassismus u.s.w. Für mich ist es mehr eine Geste, um zu sagen: Ich habe verstanden, welche Message ihr den Leuten mit eurer Musik geben wollt. Da geht's also um Black Activism. Aber andererseits habe ich in einem anderen Track auch die Stimme von Kenny Larkin verwendet, der sagt, egal ob schwarz oder weiß - das ist nicht wirklich ein Problem. Und damit wollte ich einigen Detroitern erklären, dass es inzwischen sehr viele weiße Leute gibt, die mögen was sie tun, die Respekt vor ihnen und ihrer Musik haben. Ich will also sagen: Ich verstehe das, warum ihr leidet, warum ihr das macht und ich habe großen Respekt davor. Diese Rassenprobleme sind ein Teil der Roots von Detroit, sie gehören zu den Codes ihrer Musik, und sind wohl der Anlass, warum viele überhaupt Musik machen. Die Musik ist wie ein Ausweg, eine Lösung für die Probleme. Manche machen HipHop, Funk, sogar Disco, und andere machen eben Techno.

Etwas, was mir noch aufgefallen ist, ist das Buggles-Sample in "In My Arms", dieses Aua-aua von "Video Killed The Radio Star". Du sagst, dein Hauptzweck beim Produzieren ist, dass du selbst Spaß dabei hast, und deine Musik ist auch immer happy, aber eigentlich nie funny. Ich war überrascht, dass das irgendwie wie ein musikalischer Scherz wirkt.

Ich mag Metra Area sehr, diesen straighten Disco-Style auf eine alte Art. Ich wollte in dem Stück auch was Richtung Disco machen mit meinem eigenen Sound, zugleich aber aus dem neuen typischen Sound oder Hype etwas draußen bleiben, indem ich etwas Unübliches einbringe, etwas, das mir persönlich auch was bedeutet. Das Sample ist ja sehr charakteristisch, und das Stück mochte ich sehr, als ich jung war. Ich musste die Platte nicht extra kaufen, die hab ich in meiner Sammlung. Ja, es war auch ein Spaß für mich, es stimmt, was du sagst. Es hat eine lustige Seite, aber die musikalische Idee dahinter und das Stück selbst sind schon ernst. Ein seriöses, melodisches Stück, aber eben mit einer etwas witzigen Seite. Aber dieses Element ist schon etwas unüblich für mich. Ich verwende ja kaum Samples in meiner Musik, ich mache lieber mit meinen Geräten selber was. Wenn ich also mal ein Sample verwende, dann muss es auch speziell sein und lustig und dabei auch klar und hörbar. Ich hab nicht versucht, das zu verstecken. Du sollst es sofort erkennen. Da werde ich vielleicht noch Probleme bekommen, haha. Ich weiß ja noch gar nicht, ob das klappt, mit der Klärung des Samples.

Du scheinst dir sehr bewusst zu sein, dass deine Musik, obwohl sie eindeutig Detroit ist, einen ganz eigenen, unverkennbaren Touch hat...

Oh, nein! Ich hoffe das nur...

Doch, es ist definitiv so. Aber es gibt so viele Leute, die von Detroit beeinflusst sind, sich an dem Erbe abarbeiten und in diesen Style einordnen, oft aber doch nur - natürlich z.T. sehr tolle - Klone des originalen Sounds machen, eben nichts eigenes hinzufügen. Du aber nimmst diesen Einfluss und schaffst daraus was Besonderes, Spezielles und Eigenständiges.

Das hat auch viele Jahre gebraucht. Wenn du meine Alben der Reihe nach anhörst, das auf Raygun ist chronologisch eigentlich das erste, das klingt auch noch eindeutiger nach Detroit. Es hat einfach gedauert, von meinen musikalischen Wurzeln, die zweifellos in Detroit liegen, wegzukommen, selbständiger zu werden, mehr persönliche Elemente einzubringen, mehr Identität. Und je mehr Musik ich mache, um so mehr klingt es nach Farbice Lig - hoffentlich zumindest. Ich will nicht irgendwas kopieren. Weißt du, es ist gar nicht so schwer, eine Detroit-Kopie zu machen. Es ist einfach eine Frage der Produktion, du musst Atmosphäre und Emotionen reinbringen... Nun ja, ganz so leicht ist das auch nicht. Aber wenn du das mal kannst, musst du deine eigene Vision von Detroit-Techno entwickeln. Das ist das Schwierigste. Ich selbst schaffe das meiner Meinung nach erst seit drei Jahren, und ich hoffe, in Zukunft kann ich es immer noch persönlicher und eigenständiger machen. Meine Musik ist an Detroit angelehnt, weil mein Ansporn war, Dancemusic mit Emotionen zu machen, mit musikalischen Elementen. Das ist immer noch mein Ziel, und ich versuche das auf meine Weise, mit meiner Sensibilität, meinem Gefühl. Ich bin immer überrascht, wenn jemand ankommt und sagt: Tolles Stück, das du da gemacht hast, klingt wirklich nach Fabrice Lig. Für mich ist es schwierig, zu beurteilen, ob es sich von Detroit unterscheidet oder nicht, aber scheinbar ist das der Fall.

Auf deinem letzten und nun auch auf dem neuen Album ist je ein Stück mit Gesang, so in der Nachfolge von Inner City. Willst du in Zukunft noch mehr mit Gesang arbeiten?

Nein, eigentlich nicht. Ich wollte schon lang so was machen. Ich mag Vocals in Techno eigentlich nicht so besonders, in House auch nicht, außer bei Garage vielleicht. Denn wenn du Gesang reinbringst, muss er wirklich sinnvoll sein, er muss gefühlsmäßig oder musikalisch was Neues in das Stück einbringen. Und bei vielen Tracks ist das nicht der Fall. Du merkst, dass die Leute beim Produzieren dachten: Okay, was kann ich jetzt noch machen? Ah, Gesang wäre perfekt, das ist gut! Klar, Gesang kann da einiges reinbringen und verändern, aber ich wollte Vocal-Tracks machen, wo der Gesang wirklich ein emotionale Seite, ein Plus bringt. Natürlich bin ich Inner-City-Fan, das ist für mich das beste Beispiel dafür, es ist vocal, dancefloor und emotional. Es trifft genau das, was mich eben auch sonst an Detroit-Techno fasziniert. Und ich denke, meine Absicht, Musik zu machen, ist dieselbe wie bei Inner City: Dancefloor mit Vocals, aber soulful. Das war meine Idee für die Stücke. Ich denke, sie klingen nicht wie echte Inner-City-Stücke, aber das wollte ich ja auch nicht.

Aber sie bewegen sich in dieser Tradition.

Ja genau, das ist es.

Kaum jemand macht das sonst derzeit.

Nein, und ich weiß nicht warum. Vielleicht weil es wirklich schwierig ist. An dem Stück mit Gesang habe ich am längsten gearbeitet für dieses Album. Einen Monat lang, allein schon an der musikalischen Seite. Ich habe es auch ohne Gesang aufgenommen, und es funktioniert, es ist okay. Aber mit den Vocals, da explodiert es. Und so arbeite ich auch, wenn ich so etwas machen will: Zuerst mache ich einen Track, der ohne die Stimme schon wirklich gut sein muss. Erst danach versuche ich, Gesang dazu zu bringen, und ich muss fühlen, dass die Stimme wirklich, wirklich Sinn macht und ein Mehr einbringt. Deshalb habe ich bisher auch nur zwei Stücke mit Vocals aufgenommen. Es hat erst zweimal funktioniert für mich, und das sind die beiden Stücke.

www.fabricelig.com
 
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last updated: 2009.08.26, 12:29