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alter ego - nach uns die revolution
interview

Techno auf dem nächsten Level: Transphormer von Alter Ego ist definitiv eine Platte, die etwas bewegen wird. Rotzig rockiger Dancepunk unter veränderten Bedingungen. Wer sich dem Blick über den Clubrand hinaus nicht verschließt, ein Draußen nach 9/11, Irakkrieg, Sozialkahlschlag und den Anschlägen in Madrid wahrnimmt, muss im Inneren das utopische Moment der Party anders definieren. Alter Ego machen das ganz bewusst mit einer schmutzigen Härte, die neue Energien freisetzt. Kein Eskapismus als bloße Fluchtgeste, sondern positives Empowerment im Club. Hier, was mir Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke dazu zu sagen hatten.


Eure neue Platte "Transphormer" hat einen erkennbaren Alter-Ego-Sound, ist aber doch eine komplette Neuerfindung eurer selbst. Der deftige, aggressive Sound der letzten Jahre findet sich da eben in ganz anderen Strukturen wieder: Es gibt fast keinen klassischen 4/4-Technobeat, viel Melodie, die hauptsächlich über die Basslines transportiert wird, Songstrukturen und Rockanleihen etc.

Roman: Bei uns war's kein explosionsartiger Neubeginn, aber in den letzten zwei Jahren hat sich halt was getan. Zum Einen liegt ein wahnsinnig langer Zeitraum zwischen der letzter LP und dieser Platte. Das heißt, dass wir uns durch die ganzen Live-Auftritte usw. sowieso gewandelt hatten. Dann kam dazu, dass wir uns nach all den Jahren natürlich gefragt haben: Was machen wir denn jetzt überhaupt nochmal, wo kann's denn noch hingehen? Und sich zudem in den letzten 12 Monaten oder sogar eineinhalb bis zwei Jahren die Ereignisse im Club überschlagen haben. Da hat ein Wandel stattgefunden, dem wir mit dem Album auch Rechnung tragen wollen. Insofern spielen also auch äußere Einflüsse eine Rolle. Was uns umgibt, wenn wir irgendwo hinkommen und auftreten, für mich als DJ, was im Club abläuft, was für Platten aufgetaucht sind in den letzten zwei Jahren, das ist da schon mit eingeflossen.
Jörn: Und konkret sollte die Platte schon auch anders klingen als die meisten Technoplatten. Sie sollte herausstechen, einen neuen Sound haben und auch nicht klingen wie unsere alten Techno-Sachen. Der Sound an sich ist ja mit Techno eh nicht ganz typisch assoziiert, sondern ist im Prinzip eher wie bei einer Rockplatte, mit Stücken die schon auch eine Songstruktur haben.
Roman: Wir dachten im Studio oft, eigentlich müsste das eine Dreimannband spielen können letzten Endes: Bass, Gitarre, Schlagzeug, das müsste möglich sein. Und daran haben wir uns auch gehalten.

Den Klang finde ich wie gesagt schon noch ähnlich und anknüpfend an eure letzten Veröffentlichungen, die Sounds übernehmen aber neue Funktionen, in einer anderer Rhythmik und anderen Strukturen. Es klingt also so neu, weil anders mit den Sounds umgegangen wird.

Roman: Naja, wir haben uns bei den Sounds schon daran gehalten, möglichst nicht diese klassischen, eine Million Mal gehörten Standard-Sounds zu nehmen oder die entsprechenden Maschinen, was bei uns schon auch Tradition hatte. Das ist eigentlich weggefallen.

Aber diese Entwicklung weg von dem Instrumentarium gab's bei euch ja doch schon seit einigen Jahren.

Roman: Schon, aber ich würde sagen, wir haben das jetzt bei dem Album nochmal radikalisiert, indem wir komplett darauf verzichtet haben und eine Soundauswahl getroffen haben, die bewusst nichts mit einer Techno-Tradition zu tun hatte. Trotzdem musste es natürlich treibend sein und immer noch im Club greifen.
Jörn: Es sind auch sehr aggressive Sounds eigentlich. Normalerweise wenn man mit einem Techno-Instrumentarium arbeitet, sind die Sounds lange nicht so aggressiv, sondern eher größer, ein bisschen einschmeichelnder und weicher. Wir sind diesmal ziemlich viel von Samples ausgegangen, haben relativ viele Samples gezogen und die radikal bearbeitet. Und wenn du im Prinzip von so einem kleinen Sample-Szenario ausgehst, von zwei drei Sounds, die sehr krass sind, musst du die anderen Sounds in der Härte angleichen, und dann bist du gleich auf einem ganz anderen Level, als wenn du von einer weichen, fetten Bassdrum ausgeht. Und so waren wir gleich bei einem recht konkreten, sehr straffen Gerüst vom Klangbild her.

Bilden rückblickend die Entwicklungen und Verwandlungen von Alter Ego immer auch Paradigmen oder Zustände von Clubkultur ab?

Roman: Wiederfinden tut sich das auf jeden Fall in irgendeiner Form, aber das ist eher ein Nebenprodukt. Wir haben schon immer versucht, uns selbst unabhängig von irgendwelchen Hitströmungen weiterzuentwickeln. Also wir haben nicht gesagt, jetzt in dem Augenblick, wo Schranz aufkommt, jetzt machen wir erstmal eine ordentliche Schranz-Platte. Das hätte uns eher fern gelegen. Sondern wir sind immer noch in allen Winkeln Alter Ego geblieben. Und wir haben oft genug auch gegen bestimmte Strömungen gestanden.
Jörn: Das Verrückte bei so Stücken wie "Betty Ford" oder wie jetzt "Rocker" ist ja: Je weiter man sich aus dem normalen Klischee entfernt - was bei Rocker ja ganz entschieden passiert, es ist ja ein Stück, das schon sehr anders klingt vom gesamten Eindruck her, wie man sich normalerweise ein Techno-Stück vorstellt - dadurch, dass es ganz anders ist, ist es doch wieder total aktuell für bestimmte Club-DJs. Was uns beim Produzieren eigentlich gar nicht so wichtig war. Das befruchtet sich dann halt auch gegenseitig.

Weil die Platte so konkret und bewusst rockig ist, wollte ich dich, Jörn, mit einem Zitat konfrontieren. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber im Gespräch mit Sascha Kösch für de:bug hast du gesagt: "Man will nicht mit Gewalt Stile verschmelzen, sondern ist einfach befreundet, passt zusammen. Es geht überhaupt nicht um einen Spagat zwischen Techno und Rock, den ich auch nicht toll fände." Was hat sich da inzwischen verändert?

Jörn: "Transphormer" empfinde ich jetzt auch nicht als Spagat, ehrlich gesagt. Es ist für mich Techno pur eigentlich. Ein Rock-Album ist ja was völlig anderes. Es ist halt, wie soll ich sagen, mit einem solchen Frequenzverlauf und mit so einer Rock-Attitude im Hinterkopf produzierter Techno. Aber von der Tradition her gab's das ja schon immer, Platten von Jeff Mills oder Jay Denham und anderen Leuten z.B., die irgendwie auch ganz anders waren und eine ähnliche Attitude hatten. Und ich würde das auch nicht an dem Rockbegriff so festmachen wollen, guter Disco von Bands wie Chic etwa rockt im Prinzip auch wie verrückt. Wie das Schlagzeug da programmiert ist, wie eine Snare und eine Bassdrum im Mix stehen, das ist super rockend, aber gleichzeitig war das purer Soul in einem Discokontext. Genau so würde ich uns jetzt im Technokontext sehen. Wobei dieser Techno-Begriff momentan halt auch ein bisschen schwierig ist, weil darunter so viel Verschiedenes verstanden wird. Aber ich würde immer noch als Bezugspunkt für uns Techno auf jeden Fall nennen. Eine Rock-Platte ist es damit noch lange nicht.

Würdet ihr sagen, dass es eine kaputte Platte ist?

[Lachen von beiden Seiten.]

Ich frage das, weil Klaus Walter in seinem Infotext zur Platte andeutet, dass der 11. September und der Dritte Golfkrieg da als Hintergrund hineinspielen, und er die Platte von der Haltung her auch mit Nirvanas "Nevermind" vergleicht.

Jörn: Mit Sonic Youth und solchen Bands hat es für mich extrem viel zu tun. Mit so Noise-Einflüssen, die da reinspielen auf jeden Fall: die verzerrten Bässe, dass alles ein bisschen porös klingt, eben nicht auf rund, schön und glatt, sondern schon auf extrem rau und porös produziert.

Trotzdem ist es am Ende aber eben - und deshalb war ich irritiert - eine extrem konstruktive Platte, die sehr fordernd ist, immens viel Energie transportiert. Bei aller brachialen Gewalt und Verzerrung wird da ja nicht etwas zerstört, sondern neue Kraft generiert. Gibt es doch einen Zusammenhang mit dem angesprochenen Hintergrund?

Jörn: Von der Attitude her hat sich der Sound halt auch deshalb verändert, weil es nach diesen Vorfällen und überhaupt, wie die Welt jetzt gerade dasteht, für uns kein Thema war, eine plüschige Afterhourplatte zu produzieren oder irgendeine soulful-housige Geschichte, jazzy loungy Irgendwas. Sondern es geht darum, eine Gefühlslage in der Musik abzubilden und auf der anderen Seite - wie bei guter Rockmusik oder bei wichtigen Punkbands auch - zugleich im Club eine Kraft freizusetzen, eben schon zu sagen: Weiter geht's und wir machen das positiv! Das ist nicht so eine total negative Wir-fliehen-aus-der-Realität-Geschichte, sondern es geht darum, ja, wie vielleicht bei The Jam, den Leuten ein positives, hartes Feeling mitzugeben, das wieder Kraft spendet. Es würde mich auch am meisten freuen, wenn es so wirkt.

Ja, auf mich wirkt das so. Ich fand es überhaupt besonders, wieviel Energie die Platte schon allein beim Anhören zu Hause ohne die ganze Clubatmosphäre drum herum transportiert und freisetzt. Man will das gleich lauter machen...

Jörn: Ah, das ist super. Lauter machen ist gut.
Roman: Genau so soll es sein.

...und gleichzeitig klingt es aber auch total spannend, was für kranke Sounds ihr verwendet und wie klar ihr die auch herausstellt. Die Arbeit mit Sound und mit welcher Attitüde ihr da vorgeht, war noch ein Punkt, den ich ansprechen wollte. Das scheint mir für Alter Ego sehr wichtig zu sein, da ihr nämlich das Schräge und Skurrile eurer Sounds speziell zur Schau stellt und betont und eben nicht versucht, es einzugemeinden oder zu verstecken. Welche Bedeutung nimmt das für euch in Bezug zu anderen Aspekten der Musik ein?

Roman: Wir arbeiten ja ganz bewusst mit sehr reduzierten Mitteln, verzichten auf große Effekthaschereien bei der Produktion, beschränken uns auf relativ wenige Spuren. Wir wollen eher an eine gewisse Essenz rankommen, als alle technischen Möglichkeiten bis zum Letzten auszureizen, die einem ein Rechner heute bieten würde. Es soll einen in irgendeiner Form sofort packen und mitziehen. Es gibt ja auch völlig andere Entwürfe im Techno, die alles bis ins Kleinste und Feinste differenzieren, kein Takt bleibt wie der davor usw. Das sind wir bewusst umgangen.
Jörn: Und es gibt ja momentan schon eine riesen Modewelle, wo viele Leute proklamieren: Wir machen Pogo-Techno oder Neo-Punk oder irgendwas, aber vom Sound her ist da überhaupt nichts neo. Das ist halt alles das gleiche, eher unbearbeitete Sounds, die so schlampig abgemischt und hingetrasht sind. Und da sollte die Platte überhaupt nicht hin, sondern schon noch sehr deep sein und eigentlich noch von ganz woanders herkommen.

Zwei Stücktitel sind ja sehr deutliche Anspielungen auf die Politik der USA: "Beat The Bush" und "Nasty Dollars".

Roman: Naja, die Stimmung bei uns selbst ist sowieso seit geraumer Zeit etwas aufgeladen. Hinzu kommt aber noch, dass "Beat The Bush" eigentlich ein Wortspiel ist, weil dieses Stück Elemente von einer Platte beinhaltet, die "Bushbeat" heißt, von Prince Charles, einem Typen aus der Nähe von New York, der Anfang der 80er zwei drei P-Funkplatten gemacht hat. Es lag in dem Augenblick natürlich nahe, den Originaltitel nochmal zu verdrehen.
Jörn: Wobei der Sinn dahinter nicht war, die Platte künstlich zu politisieren. Ich denke, bei so einer Platte, so wie die klingt, wie die aussieht, und von der Thematik her, ist irgendwie klar, wo die hinsteuert, welche politische Haltung vielleicht auch dahintersteht. Dass es eben keine rechts stehende Platte ist und nicht zur Festigung bestimmter Zustände beiträgt, sondern im Prinzip eine Platte ist, die eher bestehende Zustände auflösen soll oder aufgelöste Zustände beschreiben soll.

Ihr wart in letzter Zeit als Remixer auch für illustre Pop-Namen sehr erfolgreich. Entwickelt sich da nicht ein gewisser Automatismus, aus dem man schwer wieder rauskommt, nicht nur hinsichtlich der Produktionsweise, sondern auch in geschäftlicher Hinsicht? Ich kann mir vorstellen, dass ihr zeitweise dann schon in der Situation wart, schweren Herzens Aufträge ablehnen zu müssen oder gar nicht mehr die Zeit gefunden habt, euch auf ein ganzes eigenes Album zu konzentrieren.

Roman: Die Zeit gab's auf jeden Fall, nur waren die Remixe, die du ansprichst, eben auch immens wichtig, weil das bei uns seltsamerweise zur Folge hatte, dass wir befreiter im Studio aufspielen konnten, als wenn wir was Eigenes hätten produzieren sollen. Das hatte auch ganz große Auswirkungen auf das Album, weil diese Remix-Folge von Human League, Octave One, Primal Scream, Cabaret Voltaire usw., das sind ja Herausforderungen, aber gleichzeitig haben wir während der Remixe Dinge gewagt, die wir vielleicht für uns selbst gar nicht in Angriff genommen hätten. Das hat dann so eine Eigendynamik bekommen, und wir sind jetzt nochmal viel näher an uns dran über diese Remixschiene, als wenn wir das nicht gemacht hätten.
Jörn: Wir haben da über diese Remixgeschichte eine Arbeitshaltung und Arbeitsweise entwickelt, gerade wie man Sounds auswählt, wie man sie gewichtet. Das hat hier definitiv reingespielt, dass wir ganz lange und ganz sorgfältig Soundrecherche betrieben haben. Wir haben vorher knapp 230 bis 240 alte Industrialplatten und alte Punkplatten und alles mögliche nach Drumsounds, verzerrten Basssounds und irgendwas abgesucht, haben lauter kleine Schnipsel davon gesammelt und ganz streng kleine Setups für die einzelnen Songs zusammengestellt. Und da hast du plötzlich eine ganz andere Qualität, als wenn du dich an drei Maschinen setzt, die du eh im Studio hast und da anfängst so eine Loopnummer zu machen. Im Prinzip haben wir eigentlich gearbeitet wie bei einem Remix, nur dass wir die Sounds nicht von einem fremden Projekt bekommen haben, sondern uns selber so ein Setup hingestellt haben, als würden wir einen Remix für uns selber machen. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise, als das sonst konventionell im Techno passiert. Und wir wollten das eben genau andersrum machen: konkret von so Lieblingssounds ausgehen und darauf was aufbauen.

Also ist die Platte sehr Sample-basiert auf einer kleinen Ebene. Hätte ich mir gar nicht gedacht.

Jörn: Das hört man nicht so raus, aber es ist so. Das Erstaunliche für mich ist, dass die zum Teil sehr alten Samples, die wir benutzt haben, total super verschmelzen mit einem Hightechinstrument wie dem Nordlead 2 z.B. Das sind Soundwelten, die ganz woanders herkommen, aber trotzdem total gut zusammenpassen und dadurch natürlich auch was Neues bewirken.

Hat das viele Remixen auch mit dazu beigetragen, dass "Transphormer" auf eine neue Weise auch so nach vorne geht, so aggressiv ist?

Roman: Ja, wobei wir uns aber unabhängig von den Remixen schon im Vorfeld gesagt haben, wir wollen ein Album machen, das man im Club hören und das man als DJ spielen kann. Das wiederum ist eine Entwicklung, die hervorgerufen wurde durch unsere ewigen Liveauftritte in den letzten fünf Jahren, wo man sich in einen bestimmten Kontext auch bewusst hineinstellt. Wir haben dann häufig nicht mehr auf irgendwelchen kleinen Bühnen in winzigen Clubs gestanden, sondern auch auf Raves und Festivals gespielt. Und da hast du den größten Spaß natürlich, wenn du mit dem Publikum in irgendeiner Form interagieren kannst, und das kannst du dann vor allem, wenn die Musik eine gewisse Kraft ausstrahlt. Du stehst jetzt halt nicht in der Alten Oper, sondern bist auf einem schmutzigen Openairfestival in Holland, und dann ist es natürlich super, wenn da irgendwas passiert und man es so hindeichseln kann, dass man doch nicht total verblödete Musik macht. Das ist eben die Quelle für dieses Album gewesen. Dass man sagt, da kann die große Übertragung stattfinden und es kann trotzdem noch gut sein. Wir machen halt keine Avantgarde-Platte und wollen halt lieber, dass es ein bisschen großflächig die Leute erreichen könnte.
Jörn: Was natürlich bei so einer Radikalisierung von Sound auch geholfen hat, war die Tatsache - wir haben uns ja sehr mit bestimmten DJs auseinandergesetzt, z.B. mit Andrew Wetherall, auch mit Sven Väth usw. -, dass eine Sicherheit entsteht und dass man einfach weiß, dass auch die verrücktesten Sachen teilweise von solchen Leuten eingesetzt werden. Dass halt nicht im luftleeren Raum produziert wird und man am Ende überhaupt nicht stattfindet. sondern dass man schon eine bestimmte PA im Ohr oder im Hinterkopf hat, wo man sich dann vielleicht auch schon darauf freut, das live dort zu erleben.

Um zuletzt noch einen anderen Begriff in die Runde zu werfen, der mir beim Anhören eures Albums auch schon in den Sinn gekommen ist. Bei discogs.com bin ich auf einen Kommentar zu einem Remix von euch gestoßen, da hat ein Typ geschrieben: "Acid is making a huge comeback and if anyone is going to take the throne, its definitely these guys. Sick!" Also ihr macht den neuen Acid.

Jörn: Ist doch schön.
Roman: Das wäre das größte Kompliment, das man mir machen könnte, auf jeden Fall.

Es passiert derzeit ja auch so eine Art Acid-Revival, das aber wieder diesen Retroaspekt hat.

Roman: Ja, aber trotzdem, ich merk das ja ganz klar in den Clubs. Retro ist ja bei vielen gleichzusetzen mit: Hatten wir alles schon mal, gähn. Das Tolle ist aber, dass momentan eben ähnlich wie bei Acid House damals, was stattfindet, dass nämlich die Musik, die an einem Abend laufen kann, ungleich flexibler ist, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. In den Anfangszeiten war es ja gar nicht ganz klar, welche Hauptströmung da plötzlich eine Rolle spielen würde, die DJs haben wirklich irrwitzigste Kombinationen an den Tag gelegt. Und das ist momentan in vielen Clubs wieder der Fall und wieder möglich, nicht nur wegen der DJs, sondern auch weil die Leute teilweise erwarten, dass sie überrascht werden und nicht zwei oder drei Stunden ein Minimalhouseset anhören müssen oder so. Und dementsprechend bleibt auch die Party nicht aus. Momentan geht's wieder los, dass mit einer anderen Offenheit und größeren Flexibilität gefeiert wird. Das find ich super. Und das ist für mich die Verbindung zu Acid House, dass man einfach so einen Schmelztiegel von Stilen hat, die man erstmal gar nicht so nebeneinander erwarten würde, und trotzdem klappt das.
Jörn: Vielleicht hat der Typ ja auch Acid House als ein Feeling beschrieben. Dass wir nicht direkt 303-Sound machen etc., sondern Acid als Begriff für diese Freiheit, die mal da war, oder für dieses - sag ich jetzt mal - Revolutionsgefühl, das damals so da war. Dass sich im Prinzip alles verändert, dass alte, verkrustete Rockstrukturen und auch Industriestrukturen, wie sie früher mal da waren, wegbrechen und jetzt kleine Labels und neue Künstler kommen, die im Prinzip so eine Revolution starten. Wenn er das meint, wäre das toll. Die andere Seite gibt's natürlich auch noch, dass jetzt wieder so Acidsounds angesagt sind. Die 303 ist ja mittlerweile so die Stratocaster des Techno oder so. Es gibt ja so ein paar Ravesignale, die immer wieder funktionieren, immer neue Generationen begeistern und da wird das auch in 20 Jahren noch dazugehören. Dass irgendwie eine 303-Sequenz losknattert und dann alle schreien. Das ist glaub ich wie ein Gitarrensolo auf einer Stratocaster oder sowas, einfach ein Klassiker mittlerweile.
Roman: Wobei es schon auch die Phase gab, wo es einfach so verboten war, das Ding nochmal einzusetzen. Das war ja bis zum Äußersten ausgereizt irgendwann. Heute hast du die Möglichkeit, diese Sounds wieder anders einzubauen, und die verbreiten halt auch eine Menge Spaß, so Zwitschersounds gelegentlich.

Bei euch passiert ja schon auch was Ähnliches, halt ohne konkret das Gerät.

Roman: Richtig. das wird auch vermieden, das an einer bestimmten Maschine festzumachen.
Jörn: Oft ist es ja so, dass zuerst eine Musik da ist und dann kommt eine Revolution, jetzt müssen wir eigentlich nur noch auf die Revolution warten. [Alle lachen.] Bei den Rolling Stones oder bei anderen Gruppen hat es meinetwegen auch sieben bis acht Jahre gedauert, bis die Musik umgesetzt wurde in eine Jugendbewegung. Und wenn das jetzt vielleicht ausgehend von solchen Sachen selbst in einem kleinen Bereich nur stattfindet, wäre das natürlich super. Aber das können wir jetzt halt noch nicht sagen.

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last updated: 2009.08.26, 12:29