plastikmädchen
texte zu feminismus und popkultur
 
musik

buch

comic

film/tv

mädchen

alltag

wer

was


home


xml version of this page
rag*treasure
 
Aus Materialien wie zerrissenen Gitarrensaiten und kaputten Regenschirmen schneidert die Münchnerin Stephanie Müller ihre Gegenentwürfe zur Sweatshop-Massenware.
(2005.11.28, 16:57)

Kleider, die Krach machen

Grobe Baustellenabdeckplanen, geplatzte Fahrradschläuche, kaputte Regenschirme, abgewetzte Baustaubschutzhandschuhe und zerrissene Gitarrensaiten - das klingt nicht gerade nach dem fancy Material, aus dem High-Fashion-Träume gewöhnlich geschneidert werden. Trotzdem konnte Stephanie Müller mit ihren widerborstigen "Textilcollagen" aus genau solchen Stoffen den Publikumspreis des diesjährigen Baltic Fashion Awards für ihr "Lumpen"-Label rag*treasure einfahren. Dabei stieß die 26-jährige Münchner Autodidaktin, die sich normalerweise in Punk- und Riot-Grrrl-Kontexten bewegt, nur ganz zufällig auf diesen Wettbewerb, der als einer der wenigen auch Raum für experimentelle Mode bietet: Für das feministische US-Zine LOUDmouth recherchierte die begeisterte Zine-Sammlerin einen Artikel über Modeexperimente und feministische Kleiderprojekte in Europa und beschloss spontan, ihre Konstrukte auch einmal in einem Profi-Rahmen auszutesten. Gegen 13 klassisch ausgebildete MitbewerberInnen, die ihre Mode teilweise schon bis nach Japan exportieren, setzte sich die Punkrockkünstlerin, die ihre Stoffe undogmatisch schief aufeinander näht, schraubt, heftet und tackert, mit ihren deutlich Musik-beeinflussten "antiUNIformen aus eigentlich nicht kleidsamen Materialien wie Röntgen-Blei, sterilen Einweg-OP-Kitteln und Lautsprecherboxenmembranen" bei einem begeisterten Publikum durch.


Wie lange machst du rag*treasure schon und was war der Impetus, dich in dieser Form mit Kleidung zu beschäftigen?

rag*treasure existiert inzwischen seit circa eineinhalb Jahren. Meine Kleiderkollagen habe ich anfangs vor allem für mich und für FreundInnen genäht, die wie ich selbst keine Lust mehr auf den uniformierten Einheitsbrei der Massen-Maschen-Industrie hatten. Anstatt kaufen konnten FreundInnen und Bekannte mit mir auch "tauschen". So habe ich meine allererste Nähmaschine bekommen: Die wurde einfach eingetauscht gegen ein paar Platten und Hefte aus meiner kleinen Distro-Kiste und zwei Schlauchärmel-Pulli-Kleider, die ich noch komplett mit der Hand genäht hatte.
Weil ich mich selbst vor allem im Münchner Musik- und Kunstuntergrund zu Hause fühle, habe ich rag*treasure dann nach und nach zu einem Performance- und Ausstellungsprojekt ausgeweitet. Diesen Sommer gab es in unserer 3er-WG zum Beispiel eine WG-Zimmer-Matinee mit einer Hörstation von der Klangkünstlerin Christine Kewitz auf meinem Hochbett, vegan-vegetarischer Essenskunst in der kleinen Kochnische, einer Ekel-Fotoinstallation von Sarah Leibl in der versifften Badewanne und Kleiderunikaten von verschiedenen Münchner JungdesignerInnen zwischen "Tür und Angel". Diesen Winter werde ich zusammen mit Olivia Blanchemain und dem französischen Untergrund-Musik-Label whosbrain eine Damentaschen-Soundinstallation in der Ab(stell)hörkammer beim Ladyfest in Nürnberg aufbauen.
Ich betrachte Mode nicht rein funktionalistisch, sondern vor allem auch aktionistisch: Kleidung ist für mich mehr als bloße Körperbedeckung und Schutzhülle, für mich bietet sie eine künstlerische Projektionsfläche, die ich zusammen mit anderen KünstlerInnen und AktivistInnen im Rahmen verschiedener Projekte als Aussageträger nutzen möchte.

Du bist ja Autodidaktin. Wie hast du dir die nötigen Fertigkeiten angeeignet; wie wusstest du überhaupt, was geht und was nicht?

Schnitte zeichnen oder perfekte Nähte setzten habe ich nie wirklich gelernt. Ich habe einfach alles ausprobiert und dabei wahrscheinlich so ziemlich gegen alles verstoßen, was einem eine solide Schneiderlehre oder Designausbildung nahe legen würde. Meine Nähte sind oft schief, aber doppelt und dreifach, damit die Kleidungsstücke länger halten und nicht gleich nach ein paar Waschgängen auf dem Verwertungsfriedhof landen.
Ich sehe in meiner nicht vorhandenen Design-Ausbildung aber keinen Nachteil, ganz im Gegenteil: bei mir steht nicht lehrbuchgetreues Handwerk im Vordergrund, sondern die Idee. Den Produktionsprozess verstehe ich nicht als regelgeleitete Einbahnstraße, sondern als sehr weites Experimentierfeld.
Dadurch, dass ich vom handwerklichen Regelwerk des Modeschaffens ziemlich wenig Ahnung habe, gibt es für mich weder technische noch kreative Grenzen. Ich nähe, schraube, tackere oder hefte einzelne Materialversatzstücke einfach zu tragbaren gegenBildern zusammen. Wenn mal was daneben gehen sollte, dann experimentiere ich einfach weiter. Ich zeichne vorab auch keine Entwürfe und orientiere mich nicht an Schnittmustern, sondern drapiere meine Kleiderkollagen direkt am Körper. Dadurch gibt es kein formales Korsett, an das ich mich halten müsste. Ich kann stattdessen noch während des Fertigungsprozesses völlig neue Ideen miteinbinden. Auf diese Weise wird jedes Kleidungsstück zum ganz persönlichen Unikat. "Copy & Destroy" funktioniert hier nicht mehr.

Deine Kleidungsstücke sind ja oft eher so etwas wie Dekonstruktionen oder Installationen aus "Lumpen" oder Readymades. Was war der Gedanke dahinter, mit diesem Material zu arbeiten, triffst du da auch eine (gesellschafts)politische Aussage?

Für meine Textilkollagen verwende ich neben Materialien wie Baustellenabdeckplanen, geplatzten Fahrradschläuchen oder kaputten Regenschirmen, die in der Regel nicht getragen werden, auch ausrangierte, zerschlissene und oftmals für hässlich befundende Kleidungsstücke. Auf teure Sweatshop-Stoff-Meterware verzichte ich komplett. rag*treasure ist für mich nämlich meine ganz persönliche Absage an die Produktionsverhältnisse und den uniformierten Einheitsbrei der Massenindustrie.
Ich verstehe rag*treasure als "Do It Yourself"-Projekt. Ich meine damit nicht die verstaubte Heimwerker- und Hausfrauen-Bastelphilosphie, die man sich für ein paar Euro als fertigen Bausatz in diversen Baumarkt-Ketten kaufen kann. Für mich ist "Do It Yourself" ein politisches Statement, ganz in der Tradition des Punk: sich trauen, auch ohne klassischen Ausbildungsweg (in meinem Fall eben der der Modedesignerin) selbst ein Stück gegenKultur zu schaffen, und die eigenen Kreationen fernab von den Produktions- und Vertriebswegen der Massenindustrie unter die Leute zu bringen. Ich produziere nicht in mehrfacher Ausführung am Fließband, sondern suche für jedes Unikat ganz gezielt nach interessanten Materialien, die anderweitig ohnehin keine Verwendung mehr finden würden: abgewetzte Baustaubschutzhandschuhe dienen als verlängerter Rocksaum, zerrissene Gitarrensaiten werden zu T-Shirt-Trägern verarbeitet, und kaputte Fahrradschläuche finden als Gürtel mit Schulranzen-Schnalle Wiederverwendung. Ich denke, Kleidung kann, wenn sie bewusst als Bricolage eingesetzt wird, durchaus - ähnlich wie es in der Situationistischen Internationale und später auch im Punk der Fall war - ein gesellschafts-politisches Statement setzen.
Meine selbst genähten, geschraubten oder getackerten Lumpen-Unikate verstehe ich als bewegliche gegenBilder oder antiUNIformen. Sie bieten nicht nur Schutz, sondern transportieren nach dem Motto "the personal is political" dadurch, dass sie direkt am Körper in die Öffentlichkeit getragen werden, auch eine ganz persönliche Botschaft nach außen. Meiner Meinung nach kann man auch darüber, wie man seine Klamotten unter die Leute bringt, eine Aussage treffen. Beim Verkaufen und Tauschen meiner Lumpen-Unikate gehe ich nicht völlig mit den herkömmlichen Vertriebswegen konform. Ich habe zwar auch eine kleine Website, über die man meine Einzelstücke bestellen kann. Aber wenn ich meine Kleiderkollagen über einen Laden verkaufe, dann achte ich immer darauf, dass ich mich mit der Ladenphilosophie auch identifizieren kann. Ein paar Kleiderkollagen verkaufe ich z.B. in einem kleinen Münchner Klamottengeschäft namens "Umwerk", in dem nur selbstgemachte Unikate und Sweatshop-freie Waren verkauft werden. Das ist für mich völlig okay. Das meiste findet man aber eh in meiner WG-Zimmer-Mini-Nähzelle und bei Nähaktionen zwischen den Plattentischen bei Konzerten im Münchner Kafe Kult.
"rag*treasure" ist für mich mehr als nur ein Modelabel. Ich verstehe es eher als Teil eines facettenreichen Netzwerkes von verschiedenen gegenkulturellen "Do it Yourself"-Projekten. Für mich spielen nicht-kommerzielle Musik-, Kunst-, magaZINE- und Modeprojekte auf jeden Fall zusammen. Ich sehe keinen Sinn darin, in so einer kleinen Szene, wie es die "Do It Yourself"-Szene ist, die einzelnen künstlerischen Ausdrucksformen (Musik, Schreiben, Nähen etc.) hermetisch voneinander zu trennen. Mich reizt es, die Räume aufzubrechen und die Grenzen verschwimmen zu lassen: Eine Nähaktion auch einfach mal bei einem hauptsächlich von männlichem Publikum frenquentierten Punk-/HC-Konzert mitten im Saal zwischen Theke und Plattendistros zu starten und im Eingangsbereich vielleicht noch eine kleine Leseecke mit untergrundmagaZINEn aufzubauen.

Wie wichtig ist Musik oder eine generelle Punkästehtik (DIY, Cut Up, Collagen) für dein Schaffen?

Meine absolute Leidenschaft ist es, immer wieder zu versuchen, meine verschiedenen Interessen wie experimentelle Kunst, Musik aus dem Untergrund und Mode als Kunstwerk mit einander zu verbinden. Ohne Musik könnte ich überhaupt nicht auskommen, die spielt bei mir überall mit rein. Meine Kleider haben meistens einen direkten Bezug zur Musik, egal ob es sich dabei um eine Mütze aus gestrickten Kassettentonbändern, ein tragbares Rollklavier oder einen Rock aus Lautsprecherboxenteppichen handelt. Ich möchte einfach Kleider machen, die Krach machen, die sich artikulieren und eine Aussage transportieren. Wenn ich eine Kunstinstallation mache, dann gehört für mich das auditive Element auch immer mit dazu. Ich möchte bei meinen Aktionen aber nicht nur mit einer Dada-, Situationisten-, oder Punkästhetik spielen, die ja in letzter Zeit wieder verstärkt von der Modeindustrie aufgegriffen wurde und nach und nach wieder unter dem Wühltisch begraben wird. Ich möchte stattdessen zumindest den Versuch starten, die Idee der Bricolage und des "Do It Yourself" auch ein Stück weit zu leben.
Im Münchner Kafe Kult kann ich genau das ausprobieren, nämlich meine verschiedenen Interessen im Bereich Musik, Kunst und Mode - ja fast "collagenartig" - miteinander zu verbinden. Dort bin ich Teil des Organisations-Kollektivs. Wir arbeiten alle unentgeltlich und veranstalten zusammen Konzerte in den Bereichen Punk/Hardcore/Indie und experimentelle Musik und organisieren im Rahmen unserer Konzerte auch Fotoausstellungen, Lesungen, Näh- oder Sprühaktionen. Außerdem habe ich dort auch die Möglichkeit, zusammen mit der Musik-Performance-Plattform "RAGarella und ihr A.p.p.a.R.a.T." zu proben und unsere Textil-Sound-Performances mit verstärkter Näh- und Schreibmaschine und meinen Kleiderkollagen vorzubereiten.

Du kommst ja aus einem Punk- und Riot Grrrl-Umfeld. Inwieweit fließt das in deine Arbeit mit ein, beeinflusst das auch die Auswahl der Orte, in denen du ausstellst?

Ich würde mich zwar selbst keiner bestimmten Szene zuordnen, im Punk- und Riot-Grrrl-Umfeld fühle ich mich aber auf jeden Fall sehr wohl. Das spielt dann natürlich auch in der Auswahl der Orte, an denen ich ausstelle oder eine Performance oder Nähaktion organisiere, mit rein. Zum einem macht es mir Spaß, bei Ladyfesten und im Rahmen von kleinen "DIY"-Shows im Konzertsaal auszustellen. Diesen Winter ist zum Beispiel eine Nähaktion zusammen mit Tanja Kischel vom Münchner Umwerk-Laden beim Ladyfest in Nürnberg geplant und im März 2006 werde ich zusammen mit einer Reihe von Frauen aus dem Riot-Grrrl- und Zine-Umfeld Workshops zum Thema "Rebel Girls, Rebel Wor(l)ds" beim internationalen Künstlerinnenfestival in Wien veranstalten. Außerdem wird dort auch unsere Musik-Performance-Plattform "RAGarella und ihr A.p.p.a.R.a.T." auftreten. Ich mag es einfach, mit Orten außerhalb der traditionellen Museums-, Atelier- und Galerielandschaft zu experimentieren. Der öffentliche Raum reizt mich dabei ganz besonders. Noch in diesem Winter möchte ich eine Schlafsackmantel-Fashion-Performance auf den Transportbändern in einer Münchner U-Bahnstation veranstalten. Die Idee dahinter ist, den Schlafsack als Symbol für den persönlichen Schutz- und Wärmeraum nach außen zu tragen, ihn zu dekonstruieren und in Form eines Wintermantels, den man ja eigentlich nur außerhalb der eigenen vier Wände trägt, öffentlich und (an)greifbar zu machen. Neben dem öffentlichen Raum und dem mir vertrauten Punk- und Riot-Grrrl-Umfeld interessieren mich auch Orte, zu denen ich als Autodidaktin eigentlich keinen Zugang habe. Das war zum Beispiel auch ein Grund dafür, dass ich mich bei einem Modewettbewerb beworben habe. Ich wollte Einblick in die Welt des professionellen Modedesigns bekommen, die mir als Autodikatin und "DIY"-Designerin zum einen oftmals verschlossen bleibt und von der ich mich zum anderen aber auch ganz bewusst abgrenze. Dadurch, dass ich selbst Mode mache, denke ich natürlich auch kritisch über das nach, was dieser Industriezweig mit sich bringt, gerade auch weil ich mein eigenes Projekt als kleines Gegenstück zu den Produktions- und Vertriebsmechanismen der Massenindustrie verstehe. Und so ein Modewettbewerb bietet auf jeden Fall die Möglichkeit, nicht nur über Zeitungsberichte und Rundfunkreportagen Einblick in das professionelle Modegeschehen zu bekommen, sondern Erfahrungen aus erster Hand in diesem Umfeld zu machen.

Wie kam es zu deiner Teilnahme am Baltic Fashion Award bzw. was ist das genau?

Anfang des Jahres, im Februar, habe ich für einen Artikel über Modeexperimente und feministische Kleiderprojekte in Europa recherchiert, den ich für das feministische Untergrund-Kulturmagazin "LOUDmouth" aus Los Angeles geschrieben habe. Bei meiner Recherche bin ich unter anderem auch auf den Baltic Fashion Award gestoßen, nicht weil dieser irgendetwas mit Feminismus zu tun hätte, sondern weil es einer der wenigen europäischen Wettbewerbe ist, der neben Haute Couture und Prêt à porter auch Raum für experimentelle Mode lässt. Das hat mich dann gereizt: die Chance zu nutzen, auch als Autodidaktin mal einen kleinen Einblick in den professionellen Modealltag zu bekommen. Statt einer klassischen Bewerbung habe ich ein Zine mit einer Bricolage aus Materialproben und selbst geschossenen Fotos von meinen Kreationen abgeschickt.
Insgesamt 58 Bewerbungen aus Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Russland, Polen und Deutschland sind am Ende eingegangen und die Jury hat dann am 31. Mai 2005 über die Nominierungen für den inzwischen vierten Baltic Fashion Award entschieden. Insgesamt 14 DesignerInnen aus fünf verschiedenen Ländern wurden am Ende nominiert und da war ich dann mit dabei, als einzige Autodidaktin unter lauter professionell ausgebildeten DesignerInnen. Alle Nominierten wurde vom 10. bis einschließlich 16. Oktober auf die Insel Usedom in die Dreikaiserbäder eingeladen. So hatte man die Möglichkeit, am kompletten Vorbereitungsprozess für die Präsentation der einzelnen Kollektionen teilzuhaben - von der Anprobe über die Choreografie bis zum Musikschnitt. Am 14.Oktober habe ich gegen meine 13 MitbewerberInnen dann den Publikumspreis vor ausverkaufter Halle gewonnen. Das war eine riesige Überraschung für mich - unter all den fein verarbeiteten, edlen und teuren Seidenstoffen haben meine durchaus tragbaren antiUNIformen aus eigentlich nicht kleidsamen Materialien wie Röntgenblei, sterilen Einweg-OP-Kitteln, zerrissenen Gitarrensaiten, Lautsprecherboxenmembranen etc. am meisten begeistert. Und das vor einem gut betuchten und auch eher betagten Publikum, das im Gegensatz zu meinem Punk- und Riot-Grrrl-Umfeld nicht unbedingt mit der Bildsprache meiner Kreationen vertraut ist.
Neben dem Publikumspreis, bei dem man gegen alle Nominierten aus den drei Kategorien experimentelle Mode, Prêt à porter und Haute Couture antreten muss, gab es auch noch den Jury-Preis, bei dem insgesamt 7 JurorInnen den/die GewinnerIn der jeweiligen Kategorie ausgewählt haben. Pro Kategorie waren für den Jurypreis jeweils 7.500 Euro ausgeschrieben. Der Publikumspreis war mit einem symbolischen Preis dotiert, einem Ring der Firma Niessing. Der Geldpreis, den man bei der Juryentscheidung gewinnen hätte könnten, lag zwar weitaus höher als der Wert des Ringes, mir persönlich bedeutet aber gerade der Publikumspreis besonders viel: auch bei meinen Aktionen geht es darum, mit meiner Umwelt zu interagieren und mit meinen beweglichen gegenBildern möchte ich die Öffentlichkeit zum Nachdenken anregen. Dass das Publikum und nicht nur ein begrenzter Personenkreis von 7 JurorInnen meine Kreationen aus insgesamt 14 Kollektionen ausgewählt hat, bedeutet mir wahnsinnig viel. Für mich ist es eine Bestätigung dafür, dass der Funke übergesprungen ist, dass meine beweglichen Kleider-Bilder ihre Botschaft transportiert haben - und dass das Publikum, das ja im Gegensatz zur Jury nicht wusste, dass ich keine klassische Designausbildung habe, gerade für meine Ideen gestimmt hat, hat mir auch gezeigt, dass wirklich die Kreativität im Vordergrund steht und nicht die handwerkliche Perfektion. Den Ring hebe ich mir gut auf, als Erinnerung an meinen allerersten Modepreis. Irgendwie mag ich den Kontrast zwischen meinen Lo-fi-Lumpenkreationen und dem funkelnden Ring.

Mir ist aufgefallen, dass die Frauen, die deine Entwürfe präsentiert haben, sehr dünn waren und teilweise auch sehr spärlich bekleidet. Entsprach das deinen Wünschen, oder war das eine Vorgabe vom Veranstalter? Wie gehst generell mit den Themen Sizism und Ageism um, auch vor dem Hintergrund von Riot Grrrl/Feminismus?

Die Models wurden vom Veranstalter selbst ausgesucht. Aufgrund der Chancengleichheit sollten alle DesignerInnen auch mit den selben Modellen arbeiten. Die Kleidergrößen der Models wurden uns vorab schon mitgeteilt. Mir war also durchaus bewusst, dass meine Kreationen ausschließlich von schlanken Frauen gezeigt werden würden. Das habe ich dann auch in meine Kreationen mit einfließen lassen. Für mich als jemand, die sich vor allem in einem Umfeld bewegt, in dem die kritische Auseinandersetzung mit gängigen Schönheitsidealen eine wichtige Rolle spielt, war das eine echte Herausforderung. Ich habe deshalb ganz gezielt solche Materialien für meine Kollektion "Pantoffelheldin vs. Störenfrieda" ausgesucht, die in der Regel eher unförmig geschnitten und alles andere als verführerisch sind: zum Beispiel Bandagen, die man bei Verstauchungen und Knochenbrüchen verwendet, Röntgenblei, Arbeitskittel, kaputte Regenschirme oder nicht mehr aufblasbare Luftmatratzen. Ich wollte hier den Spagat zwischen "untragbar" und massenmedial verbreitetem Schönheitsideal schaffen. Einzelne Stücke muten deswegen ganz bewusst auch "sexy" im tradierten Verständnis an. Ein Beispiel dafür ist ein roter Bandagen-Einteiler aus extrem elastischem Verbandsmaterial. Ich habe hier auf eine komplette Verhüllung verzichtet, weil ich Aspekte wie "Verletzlichkeit" und "Gebrechlichkeit" zum Ausdruck bringen wollte.
Generell spielen Themen wie Sizism, Ageism und auch Rassismen für mich eine wichtige Rolle bei meinen Aktionen. Auf die Problematik mit eher kleineren Kleidergrößen wurde ich schon des öfteren angesprochen. Da ich selbst eher schmäler bin und meine Kleidercollagen, sobald ich eine Idee habe, oft gleich am eigenen Körper drapiere, fallen manche Stücke auch eher kleiner aus. Ich nähe aber ganz grundsätzlich für alle, egal welches Geschlecht, welches Alter und welche Körpergröße und Fülle. Ich überlege mir auch immer wieder so etwas wie "größenlose" Kleidungsstücke: ein Beispiel dafür ist ein Rock aus einer alten Judohose mit einem Saum aus einem kaputten Regenschirm. Dadurch, dass sich der Bund einer Judohose beliebig verschmälern oder auch verbreitern lässt, passt der Rock so gut wie jeder Größe.
Mit der Problematik "Alter und Altern" setzte ich mich gerade in einem neuen Projekt auseinander, das am 10. Dezember 2005 stattfinden wird. In einem kleinen Münchner Vorort werde ich in einer Schrebergartenanlage direkt neben den S-Bahn-Abstellgleisen eine Performance mit dem Titel "altMODISCH - fortSCHNITT 66" veranstalten. Diese Textil-Performance werde ich zusammen mit Männern und Frauen jenseits von 66 Jahren auf die Beine stellen.
Als Teil einer Subkultur wie DIY-Punk oder Riot Grrrl, die sich vorwiegend aus weißen, mittelständischen AktivistInnen zusammensetzt, ist für mich die Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus besonders wichtig. In der Puppen-Sound-Installation "Black Dolls: Memoirs of a Girlhood", die es vom 16. bis 18.Dezember beim Ladyfest in Nürnberg zu sehen und hören gibt, beschäftige ich mich genau damit. Dieses Projekt ist in Zusammenarbeit mit der afro-italienischen Queer-Aktivistin und Zine-Autorin Veruska Bellistri aus Rom und der Klangkünstlerin Christine Kewitz aus Berlin entstanden. Mit meiner Schwester Manuela, die ein kleines Mini-Strickprojekt namens "mis[s]mesh" hat, entwickle ich gerade für eine Ausschreibung des "Madness & Arts Worldfestival II 2006", das nächstes Jahr im Mai in Münster stattfinden wird, eine Kollektion, die sich mit den filigranen Bruchstellen zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit auseinandersetzt.

Inwieweit beschäftigst du dich mit Fanzines bzw. Ähnlichem aus diesem Kontext?

Ich lese und sammle Fanzines aus verschiedenen Ländern und organisiere ab und zu bei Ladyfesten oder Konzerten im Münchner Untergrund kleine Fanzine-Ausstellungen oder Leseecken. Zusammen mit Elke Zobl und einer Reihe weiterer Zine-begeisteter Frauen werde ich nächstes Jahr im März im Rahmen des internationalen Künstlerinnenfestivals "Her Position in Transition" in Wien mehrer Workshops mit einer anschließenden Panel-Diskussion organisieren.
Mit Elke habe ich diesen Sommer auch schon das Workshop- und Ausstellungsprojekt "Do It Yourself - ein magaZINE Workshop mit Leselounge" organisiert. Dieses fand m Rahmen der Veranstaltung "ongoing. feminism & activism" in der Salzburger Galerie 5020 statt. Auch beim Ladyfest in Nürnberg im Dezember werde ich wieder meine Zine-Sammlung mitnehmen und eine kleine Ausstellung aufbauen. Und eine kleine Distro-Schachtel mit selbstgemachten Klamotten, Mix-Tapes, Platten und ausgewählten Zines gibt es da auch noch. Ach ja, meine Magisterarbeit habe ich übrigens über das internationale Grrrl-Zine-Netzwerk geschrieben.

Wovon lebst du im Moment?

Im Moment halte ich mich mit verschiedenen Teilzeitjobs über Wasser. Das funktioniert ganz gut, weil ich für Essen und Miete nicht allzu viel Geld brauche - und die Klamotten kann ich mir eh selbst nähen. Einen festen Job wollte ich mir noch nicht suchen, dann hätte ich für all die interessanten Projekte viel zu wenig Zeit.

Wo kann man deine Sachen kaufen und wie viel kosten sie ungefähr?

Meine Stücke kann man entweder über meine Website www.ragtreasure.de kaufen oder man kann bei mir im WG-Zimmer-Atelier in der Hohenzollernstraße 158 in München vorbeischauen - da gab es auch schon mal ein Punk-Konzert von den Schickeria Dropouts und eine Matinee mit Essens-Kunst, Hörstation auf dem Hochbett und Fotoinstallation in der Badewanne. Wenn man vorbeikommen möchte, kann man einfach vorher eine Mail an rag_treasure[at]gmx.de schreiben und einen unverbindlichen Termin zum Kleider-Anschauen ausmachen. Außerdem habe ich ab und zu bei Konzerten einen kleinen Stand zwischen den Plattentischen im Kafe Kult (Oberföhringerstr. 156) und ein paar Kleidungsstücke gibt es im Umwerk-Laden in der Dreimühlenstr. 26 direkt neben dem Valentinsstüberl (beides in München).
Mir ist es wichtig, dass meine antiUNIformen auch für Leute, die wie ich selbst nicht so einen dicken Geldbeutel haben, erschwinglich sind. Meine lumpenKUNSTobjekte, die ich auf Konzerten oder bei Nähaktionen verkaufe, kosten nie mehr als 15 Euro. Vieles gibt es auch schon für 50 Cent, einen, zwei oder drei Euro, z.B. Aufnäher, Buttons, Armstulpen aus Fußballstutzen, Platten-Hüllen aus Stoff etc. Für ein aufwändig genähtes Kleid, das man beim Konzert in der Regel nicht einfach mal so anprobiert, oder für einen extravaganten Mantel verlange ich dann etwas mehr. So etwas gibt es dann auch eher über meine Website, im Umwerk-Laden oder bei mir im WG-Zimmer-Atelier. Dort kann man es auch anprobieren. Aber mehr als 100 Euro kostet bei mir nichts - und man bekommt für sein Geld auf jeden Fall sein ganz persönliches Einzelstück.
kontakt