plastikmädchen
texte zu feminismus und popkultur
 
musik

buch

comic

film/tv

mädchen

alltag

wer

was


home


xml version of this page
House of the...
 
Das Wiener Modelabel mit dem extravagant langen Namen macht explizit queere Mode und setzt dabei so ziemlich alle gängigen Fashion-Mechanismen außer Kraft.
(2007.05.23, 15:07)

Körperbilder durchkreuzen!

"In Paris wollen immer alle schwarze transparente Seidenkleidchen", seufzt Markus Hausleitner. Mit denen kann und will der junge österreichische Modemacher, gerade eben von der Pariser Fashion Week zurückgekehrt, nicht dienen. Denn er und seine drei MitstreiterInnen vom Wiener Design-Kollektiv, das auf den überdreht langen Namen House of the very island's club division middlesex klassenkampf but the question is where are you, now? hört, stellen so ziemlich alles auf den Kopf, was im Modebusiness gängige Währung ist.

Das fängt damit an, dass die vier AbsolventInnen der Raf-Simons-Modeklasse der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst Genderdiskurse und Crossdressing zum Grundthema ihrer Kollektionen erhoben haben. Fast alle Stücke sind unisex. Die Hosenschnitte sind maskulin, Röcke gibt es nicht, und wenn, dann nur als Persiflage. Die Geschlechtergrenzen werden aufgelöst, indem man bewusst vom Körper weg arbeitet und die gängigen (geschlechterstereotypen) Körperbilder durchkreuzt und -que(e)rt. Statt die Silhouette zu betonen, werkt House of the... mit hochwertigen, groben Materialen wie Leinen und Loden subtil gegen klassische Schnittlinien, verschiebt und dekonstruiert sie - was aber nie auf Kosten der Funktionalität gehen darf.

Und die absichtliche "Devianz" des schon lange befreundeten Quartetts hört hier noch lange nicht auf. Dass sie sich zu ihren Kollektionen am liebsten Begleittexte von Judith Butler und Judith Halberstam wünschen und dass die zu jeder Kollektion entstehenden Videoeditionen in Zusammenarbeit mit Transgender-Regisseur Hans Scheirl (Regisseur von "Dandy Dust") entstehen, versteht sich da fast von selbst. Wie auch der Umstand, dass Designerin Tina nicht nur stolz auf ihr Modebranche-unübliches Körpervolumen ist, sondern vor jeder Schau in Paris am liebsten noch 10 Kilo zunehmen möchte, um dem Schlankheits-Terror einen fröhlichen Vogel zu drehen.

Aber auch sonst bewegt sich das House, das mit seinem Namen natürlich - unter anderem - auf den Queer-Filmklassiker "Paris Is Burning" und sein System der verschiedenen "Houses" von Transvestiten- und Transgender-Clans anspielt, außerhalb des oft zynischen Modekonsenses. "Die EinkäuferInnen in Paris haben nur drei Kriterien: möglichst billig soll es sein, die Qualität muss trotzdem top sein und als Farbe kommt nur schwarz in Frage", erklärt Markus. Die knalligen House-Farben wie gelb und orange in Kombination mit den androgynen Schnitten werden da oft als "fast abartig empfunden", so Markus. Und was für die vier WienerInnen selbstverständlich ist, nämlich die ökologische Verträglichkeit der Materialien und faire Herstellungsbedingungen, danach kräht im High-Fashion-Kontext skandalöserweise immer noch kein Hahn.

House of the... hingegen arbeitet nach Möglichkeit für die Produktion der (bisher drei) Kollektionen nur mit Sozialprojekten, die sie z.B. unter www.sozialprojekte.com recherchieren. Das kann eine T-Shirt-Druckerei in Wien sein, die ausschließlich Ex-Suchtkranke beschäftigt, oder eine Leinenweberei im oberösterreichischen Mühlviertel, bei der erwerbslose Frauen wieder eingestellt werden. Kunstfasern sind für House-of-the-Kreationen weitestgehend tabu, stattdessen verwendet man organic cotton bzw. linen oder pflanzengefärbte Seide. Und Pelz? "Nie im Leben! Wir sind absolute Pelzgegner!"

Diese anbetungswürdige Konsequenz hat natürlich auch ihren Preis. "Ich könnte mir unsere Kleider nicht leisten, nicht einmal deren Produktionskosten", gesteht Markus leicht geknickt. Daher gehen alle vier Houses, deren Label vom jungen Wiener Büro für Mode Unit F unterstützt wird, noch anderen Beschäftigungen nach - während z.B. Markus in Wiener Szenelokalitäten kellnert und DJt, verdingt sich Martin gerade als Junior Design Assistant bei Jil Sander in Mailand. Hoffentlich währt diese auszehrende prekäre Lage nicht mehr lange - die Welt braucht schließlich dringend mehr queere ModemacherInnen mit Gehirn und Gewissen. [Fotos: Heidi Harsieber] | intro mai 07
kontakt