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Berliner Orgie
 
In seinen ursprünglich für die Boulevardzeitung B.Z. verfassten Bordell-Tests entpuppt sich Thomas Brussig nicht nur als talentfreier Autor, sondern auch als rassistischer Sexist.
(2007.09.03, 21:02)

Werft faule Eier!

Dass man Thomas Brussigs leidlich unterhaltsame Ostverklärungs-Romane "Sonnenallee" und "Helden wie wir" damals als passabel durchgewunken hatte und ihm damit Aufmerksamkeit für sein neues "Buch" garantierte, darüber könnte man sich heute grün und blau ärgern. Denn in "Berliner Orgie" tritt der Berliner "Schriftsteller" als ein so unreflektierter wie erbarmungsloser Apologet der Prostitution auf, dass man gar nicht weiß, wohin mit all dem Ekel. Im Auftrag der B.Z. (wir erinnern: die Zeitung, die damals eine Hetzkampagne gegen die vermeintlich unmoralische Ausstellung When Love Turns to Poison, die sich mit den Folgen sexuellen Missbrauchs auseinandersetzte, gestartet hat) navigiert er - in seiner eigenen verdunkelten Vorstellung "im Stile eines Flaneurs" - durch die Pufflandschaften Berlins. Dort beobachtet er, bändelt an und lässt sich als potenzieller Kunde bewundern, ohne dass es zum Letzten kommt. Das nämlich habe er seiner Gattin versprochen, was aber erst spät im Buch thematisiert wird - vermutlich, um die geifernden Voyeurismus-Reflexe der B.Z. nicht vorzeitig zum Erliegen kommen zu lassen.

Nicht nur, dass der Text stilistisch erstaunlich schwach ist, Brussig ignoriert auch alle Wahrheiten der käuflichen Sexualität und zeichnet das euphemistisch verschleiernde Bild von ihr, das Männer wie er vermutlich sehen und lesen wollen. Statt die knallharte Kommodifizierung der Frauenkörper wahrzunehmen, spricht er von "Verführung" - "Vermutlich macht sie ihre Arbeit wirklich gerne, denn als sich unsere Blicke treffen, merke ich, dass sie schon versucht, mich zu verführen" -, von Huren, die mit ihm flirten und ihm erzählen, dass ihnen ihr Beruf großen Spaß mache und von den Geschlechterverhältnissen, die hier auf den Kopf gestellt würden. Denn während im "normalen Leben" Männer alles tun müssten, um Frauen anzubaggern, sei es hier umgekehrt.

"Denn in der Welt der Prostitution ist es [das Geschlechterverhältnis] in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Hier ist es nicht der Mann, der versucht, die Frau ins Bett zu kriegen - hier ist es umgekehrt. Frauen wollen mit Männern Sex haben. Für dieses Ziel investieren sie Zeit, Geld und Ideen: Sie sitzen oder stehen viel herum, sie machen sich zurecht, und sie müssen Ideen haben, wie sie den Mann ansprechen."

Diese gruselig regressiven Geschlechterstereotypen, die im Falle der Prostituierten die ökonomischen Faktoren einfach außen vor lassen, fallen auch immer wieder in Sätzen wie: "Eine Frau in Versuchung zu führen, das ist, wie wenn man nasses Holz mit einem Feuerzeug anzündet." Ein armer Tropf, wer solche Erfahrungen gemacht hat - Brussig gehört offensichtlich dazu.

An vielen Stellen empört er sich, dass die armen Männer "ausgenommen würden wie eine Weihnachtsgans" und dass es vielen dieser ruchlosen Frauen offensichtlich nur darum ginge, für möglichst viel Geld möglichst wenig zu tun. Und küssen lassen wollen sie sich nicht, und auf Kondome bestehen sie auch noch! Skandal. Nicht nur entpuppt sich Brussig als ultramisogyn, wenn er meint, nur aufgrund seiner von der B.Z. bezahlten Geldschein-Wedelei dürfe er, der beileibe eher einem Molch als einem Adonis ähnelt, sich abschätzige Urteile über viele dieser Frauen erlauben ("So, wie sie aussehen, haben sie in diesem Beruf nichts verloren. [...] Ich kann kein Mitleid für diese Frauen aufbringen. Sie sind eklatante Fehlbesetzungen, [...]. Diese Frauen scheinen Erniedrigung geradezu anzuziehen"). Er zeigt sich auch als verkappter Rassist, der diese Eigenschaft hinter dem fast noch widerlicheren Deckmäntelchen des aufgegeilten Exotismus verbirgt: Eine Prostituierte wird als "Kleine" mit "sehr exotischer Blutsvermischung" beschrieben, als "indianisch-mulattisch-asiatisches Geheimnis". Gina, die Karibin, kann in seiner Vorstellung bestimmt "wahnsinnig gut tanzen", und Janet aus Tansania, stellt er verdutzt fest, habe ja "weder schwarze Haut noch ausgesprochen negroide Gesichtszüge".

Einer der absoluten Tiefpunkte des Buches, das sich nur mit sehr viel Überwindung und Selbstverleugnung durchlesen lässt, ist aber die semi-empörte Bemerkung, dass in einem Pornofilm, den er in einer Kabine mit "einer Mischung aus Neugier, Bestürzung und Ekel" verfolgt, eine Frau so sehr mit Schwänzen zugestopft würde, dass "dieses bedächtige Vorgehen" an "Tierquälerei" erinnere. Tier? Mensch? Ware? Ach, egal. Dass der Verlag Piper dieses frauenverachtende "Buch" publiziert hat, das jeden Funken von Erkenntnis und Reflexion verweigert, lässt mich sprachlos vor Entsetzen zurück.
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