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Feminismus neu
 
Im Jahr 2006 waren sich auf einmal alle überraschend einig: wir brauchen einen neuen Feminismus. Aber bitte nicht zu radikal und unter weniger abschreckendem Namen! Pfff.
(2007.03.21, 15:20)

SOS, bitte kommen!

Angesichts der erdrückenden Beweislage von neuem Gebärzwang und medial ausgerufener Hatz auf das Phantom "Karrierefrau" waren sich auf einmal alle einig: Wir brauchen einen neuen Feminismus. In einem in puncto Gleichberechtigung so konservativen Staat wie Deutschland, in dem die meisten Subjekte sich lieber den Mund bohnern als das Angstschweiß erzeugende F-Wort ebendort hineinzulegen, war es einigermaßen überraschend, dass die Zeit mit diesem "Kampfruf" titelte. Doch nicht nur die machte sich auf einmal für Frauenrechte stark, nein, sogar weitgehend apolitische Studi-Wohlfühl-Magazine wie Neon und Dummy brachten gut gemeinte Aufrüttelungs-Weckrufe (die in letzterem Fall leider wieder haufenweise dämlich-sexistische Stereotypen replizierten), und Krimiautorin Thea Dorn widmete mit "Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird" sogar ein ganzes Buch dem "neu" entdeckten Thema.

Dass dieser Ruck bitter nötig war in Zeiten, in denen FAZ-Chefchauvi Schirrmacher mit seinem dümmlichst biologistischen Verzweiflungsschrei von der "Minusgesellschaft" in einem beispiellosen Regress die zukünftige Wichtigkeit von Familie und damit der sorgenden, pflegenden Rolle von Frauen betonte, die Bild-Zeitung auf einem Titel kurz nach dem Frauentag Deutschlands kinderlose (lies: selbstsüchtige) "Superfrauen" quasi zum Abschuss frei gab und mental vergreiste Feuilletonschreiber ihren Frauen öffentlich dafür dankten, dass sie die meiste Zeit brav zu Hause bleiben, um den Kindern und dem Patriarchen ein wohliges Nest zu bereiten, lag eigentlich auf der Hand. Ärgerlich nur, dass überall so getan wurde, als hätten alle Frauen, überzeugt vom presseseitig lautstark rumtrompeteten Scheitern oder gar der Obsoletheit des Feminismus, die letzten Jahre seit der zweiten Frauenbewegung der 60er und 70er in einem kollektiven Dornröschenschlaf verbracht. In ihrem durchaus engagierten Interviewbuch legt Thea Dorn ihre - durch Diskriminierungserfahrungen revidierte - Ausgangsprämisse offen, die so oder so ähnlich eigentlich in jeder Neubesinnung auf den Feminismus formuliert wird: "Ich wuchs im festen Glauben daran auf, dass der Tag 24 Stunden hat, die Erde eine Kugel ist und der Feminismus überflüssiger als Fäustlinge im Hochsommer." Wie grotesk diese Spätberufenheit in einer Gesellschaft ist, in der der Erwerbs-Euro des Mannes bei der Frau nachweislich immer noch nur 77 Cent wert ist, fällt spätestens dann auf, wenn Analogien gebildet werden: "Ich bin fest davon überzeugt, dass der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus überflüssig ist." Ach ja?

Dass bei Alarmstufe Rot jetzt die Frauen des gebildeten Mainstreams aufwachen und sich verdutzt die Äuglein reiben, wenn von der "fatalen Erwerbsneigung der Frauen" die Rede ist, die den armen Familienernährern in Hartz-IV-Nation die letzten, hart umkämpften Arbeitsplätze stiehlt, kann angesichts der kontinuierlichen feministischen Bestrebungen in den 90er Jahren, ob die nun Women?s Studies oder Riot Grrrl heißen, mehr als wütend machen. Wie auch die Tatsache, dass alle über den faktischen Gleichstellungsansatz zwischen Mann und Frau hinausweisenden politischen - linken - Implikationen des Feminismus ebenso unter den Tisch fallen, wenn sich im Interview mit Dorn z.B. erfolgreiche Frauen wie Maybrit Illner oder Silvana Koch-Mehrin durchaus patent und beherzt, aber stets mit sorgfältiger Distanz zu etwaiger Radikalität, zur Sache äußern. Aber: auch kleine Schritte geben Anlass zur Hoffnung. Wir haben schließlich nur ein Leben und nicht ein paar. | intro dez 06
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