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Britta
 
Beinahe wäre die Band Britta Geschichte gewesen, aber puh, Glück gehabt: Mit "Das schöne Leben" wird dem verklärten Deutschpop-Schwulst gewohnt ironisch eins auf die Mütze gegeben.
(2006.04.18, 16:23)

Ist das noch Bohème oder schon Unterschicht?

Vor dem schönen Leben sah es finster aus chez Britta. Nach dem Tod von Schlagzeugerin Britta Neander, der desaströsen EFA-Pleite, die alle sauer verdienten Gewinne der Band mit in ihren "räuberischen Konkurs" riss, und nach einer langen Krankheit von Sängerin Christiane Rösinger schien es erst mal, als sei das der tiefschwarze Punkt am Ende des Kapitels. "Deutlicher kann einem nicht gezeigt werden, dass das alles keinen Sinn hat", erinnert sich Christiane an ihr Fazit nach drei Platten voll melancholisch-gewitztem Singer/Songwritertum aus Berlin, das mit seiner textlichen Brillanz die meisten anderen deutschsingenden Bands demütig im Staub zurückließ. Doch nach Gesprächen innerhalb der Band und mit FreundInnen war bald klar, dass das Unglück zurückgeschlagen werden muss. Mit Kante-Schlagzeuger Sebastian Vogel, der die herzkranke Britta bereits auf der letzten Tour vertreten hatte, vervollständigte ein neuer Drummer das Quartett, und die lieben Bekannten von Morr Music legten für die Finanzierung ihre sanften Hände ins Feuer.

Musikalisch hat sich nicht viel an ihrem immer beschwingter werdenden, melodischen Melancholie-Schrammel-Pop geändert: "Bei der zweiten Platte hatte ich einen unheimlichen Innovationsdruck, weil auf einmal alle was mit Elektronik gemacht haben. Aber ich bin froh, dass wir darauf nicht eingestiegen sind. Das wäre albern und auch gar nicht unsere Musik - die ist eben klassisches Singer/Songwriting", rekapituliert Rösinger. Doch textlich fährt mit Fanfaren ein Paradigmenwechsel ein. Denn nachdem sich Christiane Rösinger jahrelang, schon damals bei den Lassie Singers, um die Dekonstruktion des Ideals der romantischen Liebe verdient gemacht hat, knöpft sich "Das schöne Leben" auf einmal ganz materielle Themen vor. Einer der Höhepunkte der Platte ist das Stück "Du sprichst in Rätseln", in dem Christiane mit ihren glockenhellen Stimme süffisant den Trend zur "Verrätselung" seziert und ironisiert, der seit einiger Zeit prächtige Triebe treibt: "Die Leute machen es sich so einfach, indem sie ein paar rätselhafte Bilder aneinander reihen. Das wirkt blutleer, da fehlt mir die Welthaftigkeit. Man kann das als dunkle Poesie schätzen, aber mir persönlich gefällt es besser, wenn die Realität besungen wird. Deswegen würde ich mir gerade bei den begabten deutschsprachigen Songwritern wünschen, dass sie wieder konkreter werden". Christiane selbst ist in ihren Texten explizit wie nie. "Ich habe auch früher schon versucht, in die Demontage dieses Liebeskonstrukts eine gesellschaftliche Kritik mit einfließen zu lassen, aber ich hätte mich nicht getraut, ein Lied wie 'Wer wird Millionär' zu schreiben, weil ich dachte, das wäre zu platt."

"Wer lebt prima und wer eher prekär? Wer geht putzen und wer wird Millionär?", fragen Britta witzig und aufrüttelnd in genau jenem Lied, in dem der Teufel wie im echten Leben auf den größten Haufen scheißt. Nachdem man sich in Kunst und Theorie schon lange mit dem Thema "Ist das noch Bohème oder schon Unterschicht" beschäftigt, ist Britta die erste Band, die mit ihrer Platte quasi den Soundtrack zur Prekarisierung vorlegt - gewohnt scharfsinnig, ironisch und subtil. "Das wird eine Riesenbewegung werden, man denke nur an Initiativen der Prekarisierten wie den Euro May Day. Vielleicht ist das ja unsere Chance auf den großen Durchbruch", schmunzelt Christiane. Und ich denke mir: endlich Gerechtigkeit. Das wäre was. | intro april 06
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