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The Knife
 
Die schwedischen Geschwister Karin und Olof Dreijer verstecken sich lieber hinter bizarren Masken, als als Star Personalities aufzutreten - und produzieren trotzdem tollen Elektropop.
(2006.05.10, 22:28)

Die theatralische Geste

Dafür, dass The Knife in ihrer Heimat Schweden Indie-Superstars sind und auch international mit der hartnäckigen Liebe glühender Auskenner-Fans verfolgt werden, ist ihr Medien-Portfolio mehr als löchrig. Obwohl das Duo auf dem eigenen Label Rabid Records bereits drei LPs veröffentlicht hat und sogar mit einem schwedischen Grammy bedacht wurde, wird das Reservoir an öffentlichem Wissen möglichst klein gehalten. Das Geschwisterpärchen ist in seiner siebenjährigen Karriere erst einmal live aufgetreten und auf Fotos verstecken sich die beiden am liebsten hinter grotesken Masken. Umso größer der Schock, als ich den StockholmerInnen zum ersten Mal gegenüberstehe: Karin (30) und Olof (24) schweben mit ihren eishimmelblauen Augen, zarten Gesichtszügen und zurückhaltenden Manieren wie zwei Feen vor mir. Als würden sie mit ihrem Auftreten die ruhige, harmonische Kehrseite zu der expressiven, dystopisch-gruseligen Märchenwelt verkörpern, die sie in den gemarterten Synthpop-Songs und ihren von einer mit Lynch und Cunningham verwandten Bildsprache durchwucherten Videos kunstvoll entstehen lassen.

Für "Silent Shout" haben sich Olof und Karin noch eine Etage tiefer in die Tropfsteinhöhle der Düster-Elektronik abgeseilt, um, wie schon nach dem selbstbetitelten Debüt, einen Bruch zum poppigeren Vorgängeralbum "Deep Cuts" zu markieren: Unheimlich verzerrte Vocals, darke Elektro-Stomper, sphärische Ambientsongs und technoider Bombast-Trance. "Für dieses Album haben wir beide viel frühen Plastikman und auch The Horrorist gehört, der fast sozialrealistisch von den dunklen Seiten der New Yorker Rave-Kultur erzählt", erinnert sich Olof. Das endgültige Zerkrümeln der rückwärtsgewandten 80er-Wave-Pop-Utopie unter dem Gewicht der in den letzten Jahren darüber hinweg galoppierten Produzenten-Heerscharen kümmert The Knife wenig. "Wir haben sehr hohe Ansprüche an unsere Sounds - wenn sie wie irgendwas klingen, was es schon mal gab, kommen sie in den Mülleimer. Aber was uns immer noch an den 80ern fasziniert, ist die große, theatralische Geste, die bei Artists wie Laurie Anderson, Cyndi Lauper und Prince möglich war und die eine musikalische Freiheit jenseits von Genres geschaffen hat, die es heute gar nicht mehr gibt."

Immerhin finden sich genug Artists im eigenen Netzwerk, die eine ähnlich berührungsangstfreie Ästhetik verfolgen. Nachdem Karin Vocals zur Erfolgssingle "The Understanding" von Röyksopp beigesteuert und Jenny Wilsons grandioses Debüt "Love and Youth" mitproduziert hatte, landete nun Popcrooner Jay-Jay Johanson auf der Knife-Platte.

Die politischen Ansprüche, die früher gerade im Bereich Feminismus deutlich formuliert wurden, sind auf "Silent Shout" weniger explizit, aber nach wie vor gültig. "Wir glauben nicht mehr daran, die Leute mit unserer Message anzuschreien - daher auch der Albumtitel. Es gab in letzter Zeit sehr viel gefällig verpackte Agitation wie z.B. von Le Tigre und Michael Moore, aber wir wollen nicht, dass die Leute denken, Popkultur muss immer easy sein", erklärt Olof. Aber wie lässt sich denn der kritische Anspruch in einem Modellwohlfahrtsstaat wie Schweden überhaupt aufrecht erhalten? Karin: "Auch bei uns ist der Trend zur Privatisierung und dem Rückzug des Staates nicht aufzuhalten. Die Dinge, über die ich in meinen Texten schreibe, sind global, aber handeln sollte man immer vor Ort." intro april 06
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