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Bridget mal anders
 
Jenni Zylka dreht mit ihrem Buch "1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann", den populären "Frauenroman" vom Kopf auf die Füße.
(2003.06.26, 16:58)

Soll man dieses Buch mögen oder nicht? Jenni Zylka, die Sex-Kolumnistin der taz, erzählt in ihrem ersten Roman in der Ich-Perspektive aus dem Leben von Judith Herzfeld, die als vergnügter Mid-Thirty-Single in Berlin lebt, sich ihren Lebensunterhalt zähneknirschend als Textredakteurin einer belämmerten Hausfrauen-TV-Sendung verdient und ansonsten ihre Freundschaften genauso intensiv wie ihre kleinen Alltagsneurosen und gelegentlichen Abenteuer in der Horizontalen pflegt. Eigentlich folgt dieser Roman, der witzreich und eben kolumnenartig von mehr oder wenigen komischen Alltagsnichtigkeiten erzählt, ziemlich genau dem Modell der so genannten "Frauenromane" à la Mondscheintarif oder Bridget Jones - mit dem Unterschied allerdings, dass er die inhaltlichen bzw. ideologischen Vorgaben dieser sure bestsellers ins Gegenteil verkehrt oder in ihre Einzelteile zerpflückt.

Der fluffig selbstironische Ton, bei dem eine Pointe die nächste jagt, ist nur um Nuancen schärfer als die Schreibe progressiver Frauenzeitschriften und klingt also sehr flott, und auch der schwule Freund darf nicht fehlen (ist hier allerdings Schalke-Fan). Doch während Bridget über ihr Gewicht, das Älterwerden, ihr Nicht-Gepaartsein und ihre generelle lebenstechnische Inkompetenz rumlamentiert, regt sich Judith über idiotische Diättipps, sexistische Videospiele, Umweltverschmutzung und Kapitalismus auf und hegt ihr enzyklopädisches Film- und Musikwissen. Vielleicht also doch eher so was wie der weibliche Nick Hornby, der mitsamt massiver Breitenwirkung endlich mal fällig wäre?

Auch wenn die konstante Suche nach originellen Positionen durch das Dissen von allem vermeintlich Uncoolen wie Ikea-Regalen und Studi-Kinos manchmal etwas überstrapaziert wird, war so eine Abrechnung mit den Stereotypen aus "Frauenbüchern" in höchstem Grade fällig. Und dass am Ende da die Freundschaft über Beziehungsidylle triumphiert, ist ja wohl logisch. Ich würde also vorschlagen: mögen.

Jenni Zylka: 1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann. Rowohlt 2003 | intro mai 03
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