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Ljudmila Ulitzkaja
 
Fast jeden Monat ist Ljudmila Ulitzkaja auf den russischen Bestsellerlisten zu Gast, denn ihr gelingt als einer der ganz wenigen AutorInnen des neuen Russland die Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Intellekt.
(2006.05.22, 15:07)

Wider die Wurstproduktion

Wie auch in den anderen kulturellen Bereichen wird in der russischen Literaturszene, der ihre Dichter einst als Halbgötter galten, beklagt, dass nur noch leicht verdauliche Ware für den Mainstreammarkt gefragt ist. Wo Filmemacher Andrei Zvyagintsev von "Wurstproduktion" spricht, benennt die Literaturagentin und Jelinek-Übersetzerin Tatjana Nabatnikova das Phänomen der beliebten Unterhaltungsliteratur als "leichte Drogen zum Einschlafen". Die überaus erfolgreichen Krimiautorinnen wie Daria Danzova, Tatiana Ustinova und Polina Dashkova verstünden sich nicht als Schriftstellerinnen, sondern als talentierte Dienstleisterinnen, die ihr Publikum gekonnt unterhalten. Experimentellere AutorInnen wie Vladimir Sorokin, Viktor Pelewin und Elena Fainalova würden eher von der interessierten Gruppe der unter 35-jährigen gelesen, die auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sei.

Eine der raren Gratwanderungen zwischen Intellekt und Gefälligkeit bewerkstelligt die Ex-Biologin Ljudmila Ulitzkaja, die wegen der Verbreitung von Samisdat-Literatur aus dem Staatsdienst entlassen wurde und seit dem Beginn der 90er Jahre als Prosaautorin in Russland und dank zahlreicher Übersetzungen auch in Deutschland reüssieren kann. In ihren Romanen und Erzählungen konzentriert sie sich meist auf den Alltag von Frauen mit unterschiedlichsten Backgrounds und lotet dabei vor der zur Folie zurückgedrängten Sowjet-Historie klassische Themen wie Familien- und Liebesbeziehungen, Karriere und Privatleben, Schuld und Vertrauen aus. In ihrem letzten Roman, "Ergebenst, euer Schurik" steht zum ersten Mal ein Mann im Mittelpunkt des Geschehens, der sich recht schnell jedoch als Projektionsfläche für die vielen Frauenfiguren herausstellt, die sein Leben beherrschen und denen er, ohne erkennbaren eigenen Willen, stets so freundschaftlich wie sexuell zu Diensten ist. Neben Schurik gibt es aber noch eine weitere große Protagonistin im Roman: die Stadt Moskau, in der Ulitzkaja seit ihrem zweiten Lebensjahr lebt und die so liebevoll wie detailreich beschrieben wird.


Sehen Sie sich als Teil der Moskauer Literaturszene, oder fühlen Sie sich eher als Individualistin? Haben Sie das Gefühl, dass es in Ihrer Stadt eine lebhafte Literaturszene gibt?

Moskau ist eine Welt(haupt)stadt. Eine der Weltstädte wie London, New York, Berlin. Wir haben hier eine sehr ausgeprägte Musik-, Theater und Literaturszene. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich zu dieser Szene gehöre. Bis zu einem gewissen Grad bin ich eine ihrer VertreterInnen. Immer wieder werden Theaterstücke von mir aufgeführt oder Fernsehserien nach meinen Motiven ausgestrahlt. So ist es einerseits so, dass ich schon zum Kulturleben dieser Stadt dazu zähle, anderseits kenne ich mich schlecht und wenig im Schaffen meiner Kollegen aus. Das kulturelle Leben ist hier derart intensiv, dass es heutzutage schon ein eigenständiger Beruf geworden ist, up-to-date zu sein - und das ist neben der eigenen kreativen Arbeit nicht möglich.

Wie schätzen Sie die Situation speziell nach dem Zerfall der Sowjetunion ein?

Die Literatur in Russland hat seit dem 19. Jahrhundert eine "höhere" Bedeutung gewonnen. Sie gehörte schon immer zum gesellschaftlichen und politischen Leben dazu. So hat die Literatur lange Zeit das gesellschaftliche Denken geformt und gelenkt. Diese Tradition hielt lange an - der letzte Schriftsteller in Russland, der eine solche Rolle inne hatte, war meiner Meinung nach Alexander Sol?enizyn. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Situation verändert und die Literatur hat hierzulande die gleiche Stellung eingenommen wie überall in der westlichen Welt - die pädagogische Aufgabe ist der künstlerischen gewichen und der Hauptanteil der Literatur befriedigt die "Mußezeit", d.h. es ist nichts anderes als Unterhaltung. Unterhaltungsliteratur kann sehr talentiert und anziehend sein, aber es erscheinen immer mehr Bücher, die nichts anderes mehr wollen als zu unterhalten. Das entspricht natürlich den Interessen der heutigen Gesellschaft, den Interessen des Marktes. Wie überall auf der Welt findet die Literatur auch bei uns ihren Platz beim Verbraucher, das Buch wird zur Ware wie ein Joghurt, ein Paar Turnschuhe oder ein Mobiltelefon. Das gefällt mir überhaupt nicht. Diesem allgegenwärtigen Prozess zu widerstehen ist sehr schwierig, aber überall auf der Welt gibt es Schriftsteller, die sich vom Markt nicht verbiegen lassen.

In "Ergebenst, euer Schurik" tritt die Stadt Moskau wie eine zusätzliche Figur auf. Ist das Buch auch eine Art Liebeserklärung an Ihre Stadt?

Sie haben vollkommen Recht und ich bin sehr froh, dass Sie das bemerken. Ich liebe meine Stadt sehr. Zumindest die Stadt, in der ich meine gesamte Jugend verbracht habe. Doch die Stadt verändert sich und viele Veränderungen rufen in mir Widerstand und Enttäuschung hervor. Die Stadtoberen scheinen mir alle Zugewanderte zu sein, die überhaupt nicht daran interessiert sind, das historische Gesicht der Stadt zu bewahren. Jedes Jahr werden alte Moskauer Häuser abgerissen. Das sind historische Objekte und jedes Mal empfinde ich dabei Schmerzen. Das Gleiche geschieht in vielen großen Städten und oft sind diese Veränderungen notwendig - die Anwohnerzahl und das Verkehrsaufkommen wachsen. Aber es gibt Städte, in denen solche baulichen Änderungen im Einvernehmen mit der Geschichte der Stadt verlaufen. Seit einem Jahrzehnt beobachte ich zum Beispiel Berlin. Ich bin dort oft und finde viele der neuen architektonischen Lösungen sehr gelungen. Vor zwei Jahren habe ich in Freiburg das beste Holocaustdenkmal der Welt gesehen. Es ist eine kleine Quelle, die durch die ganze Stadt fließt und diese auch sehr schmückt. Diese Quelle entspringt unter einem sehr unauffälligem Denkmal, das an der Stelle der zerstörten Synagoge steht. Die Synagoge wurde wieder aufgebaut und die Einheit dieses Baus finde ich mit das Beste, was ich unter Städtedenkmälern gesehen habe. Was Moskau betrifft, so finde ich, dass diese Stadt heute von einigen sehr außergewöhnlich geschmacklosen Bauten verunstaltet wird. Darüber bin ich sehr traurig.

Schurik wirkt wie ein Womanizer wider Willen, der alles tut, um anderen zu gefallen. Ist seine Figur eine Anspielung auf den vermeintlich typischen russischen Charakter oder gar eine Allegorie auf die aktuelle Situation der russischen Bevölkerung?

Ich sage immer, dass mich ausschließlich der "einzelne Fall" interessiert, der gegebene Charakter, der gegebene Protagonist. Wenn der Held genau ausgewählt ist, wenn die Leser in ihm das entdecken, woran sie selber gedacht haben, oder in ihm Probleme sehen, vor denen sie im eigenen Leben schon mal gestanden haben, habe ich als Schriftstellerin ein unsichtbares Ziel erreicht. Alles Allgemeine und Verallgemeinernde kann nur anhand eines Einzelschicksals betrachtet werden. Wenn mir das gelungen ist, dann beginnen die Leser sich zu fragen, welche Bedeutung das für ihr Leben hat oder für das Leben der Menschen, die sie umgeben. Die Auseinandersetzungen und die Diskussionen, die mein Buch "Ergebenst, euer Schurik" hervorgerufen haben, zeugen meiner Meinung nach davon, dass ich hier Dinge angesprochen habe, mit denen sich viele noch vor der Lektüre beschäftigt haben.

Mit Schurik ist zum ersten Mal ein Mann Hauptfigur in ihrem Werk. Wieso schreiben Sie normalerweise lieber über Frauen?

Alle SchriftstellerInnen suchen sich ein Gebiet aus, auf dem sie sich am besten auskennen. Russland ist ein Land bemerkenswerter Frauen. Ich will nichts Schlechtes über unsere Männer sagen, aber laut meinen Beobachtungen verfügt unser Land über nichts Besseres als über seine Frauen. Und ich schreibe in der Tat sehr viel über sie. Ich glaube nicht, dass den Männern dadurch etwas verloren geht. So lernen sie die Frauen besser kennen, erfahren mehr über ihre Innenwelt und das hilft beim gegenseitigen Verständnis füreinander. Schließlich müssen Mann und Frau zusammen Kinder bekommen und sie erziehen, ein gemeinsames Familienleben führen und müssen Partner sein und nicht Konkurrenten oder Feinde.

Ljudmila Ulitzkaja: Ergebenst, euer Schurik. Hanser 2005. | intro mai 06
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