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Planningtorock
 
Es ist nicht mehr zu übersehen: Psychedelic ist zurück. Und wie könnte dieses Phänomen besser vertont und bebildert werden als durch die ausufernde Kunst von Planningtorock?
(2006.07.11, 20:11)

Die Cheesiness von Oper

"Ick bin ein Bolton Wanderer", singt Janine Rostron a.k.a. Planningtorock auf ihrem ersten Album bei Chicks on Speed Records, "Have It All", in verschmitztem Denglisch. Und platziert dabei nicht nur eine Anspielung auf das Fußballteam ihrer bei Manchester gelegenen Heimatstadt, das mangels eigenen Stadions jahrelang von Feld zu Feld wandern musste, sondern annonciert gleich auch ihre eigene musikalische Unvereinnahmbarkeit, die sie unbeeindruckt von Zweig zu Zweig hüpfen lässt. Denn eigentlich wollte Janine, die mittlerweile auch ihr eigenes Label Rostron Records betreibt, Konzert-Geigerin werden. Der Horror vor dem stockkonservativen Ambiente der E-Musik-Welt ließ sie aber auf die Art School in Sheffield ausweichen, bis sie nach einem Umweg über London Berlin erreichte - und wie so viele andere hängen blieb.

Nachdem sie zuvor nur gesungen hatte, um live ihre Video-Performances zu begleiten, drängelte sich ihre überbordende Liebe fürs Musikmachen - "Singen ist für mich wie eine Droge" - wieder in den Vordergrund. Berliner Expat-KollegInnen wie Kevin Blechdom, Jamie Lidell oder Mocky waren begeistert von ihren absolut übergeschnappten Performances mit schrillen Hüten und Moves an der Grenze zur Zurechnungsfähigkeit. "Ich liebe die Cheesiness von Oper", erklärt Ms. Rostron grinsend. Wer die zwölf fast klassisch vielschichtigen, vor kreischendem Glamour berstenden Songs mit ihrer beeindruckenden, androgynen Stimmenvielfalt hört, deren grandios theatralische Geste jedes Genre-Denken planiert, kapiert sofort, warum Melissa Logan nach dem Besuch eines PTR-Auftritts in Hamburg die Künstlerin unbedingt für ihr Label Chicks On Speed Records haben wollte.

Und kaum ist die Platte erschienen, wird auch schon die Videoclip-Sammlung "DVD Compilation 2006" hinterher gereicht, auf der Janines Liebe zu bombastischer Psychedelik durch die Bildkomponente noch eindrucksvoller nachgezeichnet wird. Denn normalerweise legen Musikvideos eine Spur von Visualisierung über den Song, der sich in der Erinnerung aufdringlich über die Tonspur drapiert, ohne sie zu elaborieren. Nur selten passiert es, wie bei dem 6-Clip-Sampler von Planningtorock, dass ein Video keine narrative oder dekorativ tapetige Bebilderung eines Stückes ist, sondern dem Sound eine neue Bedeutungsebene erschließt. Die gespenstische Fischaugen-Ästhetik des Videos zu "When Are You Gonna Start", in dem die Musikerin Janine Rostron wie ein gruseliger Pandabär durch einen weißen Raum dopst, macht mit ihrem Furcht erregenden Psychedelik-Bombast die Abgründe des Stücks beklemmend greifbar.

Ein Motiv, das sich durch alle der kurzen Filme, die eher Visuals als Geschichten sind, zieht, ist das der symmetrischen Vervielfachung: der bekannte Kaleidoskop-Effekt. Nur dass der hier durchweg bedrohlich und nicht schmunzelig-fröhlich wirkt. Es entstehen surreale Körperskulpturen, die aus dem dreidimensionalen Raum rausgelöst werden, doppelköpfige, massige Frauen, vieräugige Gesichter, und ständig hat man durch das Zusammenmorphen der Körper an der Schnittachse das Gefühl, ungewollte Blicke auf unbekannte Körperöffnungen zu werfen. Planningtorock, die sich mit retrofuturistischen Hutmasken schmückt und in zwei Videos auch als HipHop-Travestie zu sehen ist, tritt stets als Hauptperson auf, aber nur einmal ist ihr Gesicht, und auch da nur weiß geschminkt, überhaupt zu erkennen. Diese Verweigerung der Regeln, wie ein Clip und eine Musik-Personality zu funktionieren haben, ist im letzten Video, "Changes", schön ausformuliert: Zwei Versionen von ihr tauchen nacheinander ins Weiß des Bildschirms ab, und die ZuseherInnen sitzen davor - und glotzen auf das Nichts. | intro juni / juli 06
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