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Too Much Too Young
 
Sheila Whiteley, Englands erste Professorin für Popmusik, spricht im Interview über ihr neues Buch, in dem das Verhältnis zwischen Popmusik, Alter und Gender analysiert wird.
(2003.11.13, 16:52)

Sheila Whiteley, Musikologie-Professorin in Salford bei Manchester, leitet Großbritanniens ersten Lehrstuhl für Popular Music. Mit ihren Veröffentlichungen "Women And Popular Music" (Routledge, 2000) und der Anthologie "Sexing The Groove. Popular Music And Gender" (Routledge, 1997) schuf sie Standardwerke für eine genderkritische Analyse populärer Musik von der patriarchalen Gegenkultur der 60er Jahre bis zu protofeministischen, massenkompatiblen Rollenmodellen wie Madonna und den Spice Girls. In ihrem neuesten Buch "Too Much Too Young. Popular Music, Age, And Gender" (Routledge, 2003) nimmt sie die gesellschaftliche Faszination für den erotisch aufgeladenen Kinderkörper, die Typisierung weiblicher Artists wie Björk als "Little Girls" und den genretypischen Todestrieb klassischer Rockrebellen unter die Lupe.

Als ich Sheila in ihrem bescheidenen Apartment im Manchester Vorort West Didsbury besuche, kommt sie mir schon freudig im Hausflur entgegen und fragt mich, was ich denn alles essen möchte. Sie habe extra vegetarisch für mich eingekauft, weil ich das doch mal in einer Mail erwähnt hätte. Die Herzlichkeit der supersweeten, unkomplizierten Akademikerin während unseres verplauderten Nachmittags ist so beeindruckend wie wohltuend. In der Wohung streicht mir ihre Katze Milli um die Beine, die deshalb so heißt, "weil sie früher nie miaut hat und keine Stimme zu haben schien - wie die armen Jungs von Milli Vanilli". Freund Graham, ein Trompeter, klinkt sich vom Sofa ab und zu dezent in die angeregte Diskussion ein.


Wie ist deine Karriere verlaufen?

Ich habe zuerst in einer Werbeagentur gearbeitet, bin dann mit meinem Mann und meinen Kindern aufs Land gezogen und fiel so aus dem Berufsleben raus - eine ganz klassische Frauenbiographie eben. Als meine Ehe auseinanderbrach, hatte ich schon wieder an der Open University in Birmingham zu studieren begonnen, wo ich dann auch unterrichtete. Irgendwann sah meine Mutter eine Anzeige für einen Popular Music Kurs in Salford und ich bot ihnen an, ein Seminar zu machen - und dann bekam ich den Job. Ich hatte früher am Royal College klassische Musik studiert, aber in Bezug auf populäre Musik war ich bis dahin hauptsächlich Fan. Als ich aufgrund meiner ziemlich regen Publikationstätigkeit die erste englische Popprofessur bekam, war das Medieninteresse groß und viele Artikel fanden die Tatsache besonders bemerkenswert, dass ich schon mehrfache Großmutter war. Ein Magazin wollte von mir auch, dass ich auf meinem Bett mit lauter Platten um mich herum posieren sollte, wie ein junges Mädchen. "So ein Quatsch", meinte ich dazu, "das habe ich doch als junges Mädchen auch nicht gemacht, warum also jetzt?"

Wie kamst du dazu, dich in deinem neuen Buch mit dem Phänomen Pop und Alter zu befassen?

Ich wollte schon immer über Kate Bush schreiben. Als ich mich mit ihrer Rezeption befasste, stieß ich immer wieder auf den Begriff "Little Girl". Das führte dazu, dass ich mir ganz grundsätzlich Gedanken über die Definition von Kind und die Problematisierung des Begriffs machte: die erotische Aufladung des kindlichen Körpers, das Kind als Ware und als Konsument, der mediale Wirbel um Pädophilie etc., das frühreife Kind - die Klassifikationen von "Kind" sind ja absolut nicht klar. Im Marketing werden auch immer stärker die 8-10jährigen anvisiert, denen damit ein Stück ihrer unbekümmerten Kindheit genommen wird, aber was ist das überhaupt? Da wurde mir klar, dass ich das alles mitdenken musste. Im ersten Teil des Buches geht es ja um "use, misuse and abuse of young artists" wie z.B. Michael Jackson oder die Country-Sängerin Brenda Lee. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn sich junge Menschen der Popmusik bedienen, um ihre eigenen Körper zu erfahren, bloß wünsche ich mir manchmal, diese Musik wäre etwas anspruchsvoller. Womit ich aber schon ein Problem habe, ist dieses Superstar-Verfahren: jemanden mit 16 ganz groß zu machen und dann wieder in die Bedeutungslosigkeit fallen lassen. Das gibt es ja nicht erst seit Starsearch und Co, sondern diese Geschichte ist so alt wie die Popmusik selbst. Das hat auch immer etwas mit der Faszination für das erotische Kind zu tun, das einerseits Unschuld verkörpert und viel zu erwachsene Texte singt, andererseits aber auch frühreifes sexuelles Wissen ausstrahlt - das Lolita-Syndrom. Gerade letztlich sah ich wieder Kubricks Film "Lolita" und es ist tatsächlich so, dass man an manchen Stellen ja will, dass die Liebe der beiden funktioniert! Als nächstes habe ich das Labeling von Musikerinnen wie Kate Bush, Tori Amos und Björk als "Little Girls" untersucht und das dem Labeling von männlichen Musikern gegenüber gestellt. Meiner Meinung nach haben viele Frauen in der Musik eine so eigene Stimme und Ausdrucksweise für sich gefunden, weil sie nicht auf ein klar definiertes Erbe zurückgreifen können. Männer hingegen können bzw. müssen sich stets am Rock-Stammbaum orientieren, der für bestimmte Genres strenge Verhaltensmuster vorschreibt.

Macht es das nicht auch einfacher für die männliche Musiker? Frauen müssen immer wieder das Rad neu erfinden, weil ihnen dieser Stammbaum fehlt bzw. nicht so sichtbar ist.

Ja, das stimmt. In der Literatur war das früher genauso, bis hier in England der Frauenbuchverlag Virago auch ältere Schriftstellerinnen wieder "ausgegraben" hat und der Öffentlichkeit bewusst gemacht hat, dass es auch früher schon viele Autorinnen gab. Zum Glück gibt es jetzt schon mehr Uni-Institute, an denen Popmusik erforscht wird, aber es gibt noch keinen festgelegten Wissenschafts-Kanon. Ich empfand das immer als sehr positiv, denn so konnte ich so über Musik schreiben, wie ich wollte. Ein Problem ist sicherlich, dass viele Leute, die über Musik schreiben, keine MusikologInnen sind, und ihnen daher eine Menge faktischer Fehler unterlaufen. Natürlich gibt es einen Pop-Kanon im Sinne von "Die 50 besten Gitarristen aller Zeiten", aber als akademisches Feld ist Popular Music noch so neu und das Instrumentarium ist so wenig vorgegeben, dass ich damals beim Promovieren quasi mein eigenes Territorium abstecken konnte.

Was mir beim Kapitel über die "Little Girls" auffiel, war, dass du spezifisch "weiblichen" Qualitäten ihrer Musik lobst - Emotionalität, Subjektivität, Authentizität. Ist das nicht limitierend und essenzialisierend, und spielt man damit nicht wieder Kritikern in die Hände, die behaupten, dass Frauen nur Subjektives, emotional Gefärbtes zustande bringen, das nicht den eigenen Erfahrungshorizont transzendieren kann und damit keine Relevanz für die Allgemeinheit hat?

Ich denke tatsächlich, dass sie nicht wirklich für die Allgemeinheit sprechen, sondern ihre Erfahrungen als Frauen in der Gesellschaft thematisieren.

Aber wird Musik von Frauen dadurch nicht trivialisiert, dass man einer Kritik Tür und Tor öffnet, die diesen musikalischen Ausdruck als nur für Frauen relevante "Gefühlsduselei" zur Seite schiebt?

Männer thematisieren ihre männliche Gefühlswelt niemals in dieser Weise, es gibt höchstens diese generischen Rockballaden. Ich spreche öfters mit meinen männlichen Studenten darüber, ob es nicht schwierig für sie ist, dass Situationen wie "Ich habe keinen hochgekriegt" etc. nirgends thematisiert werden - wenn man mal davon ausgeht, dass Limp Bizkit jetzt nicht eine Metapher dafür sein soll... In der Rockmusik von Männern wimmelt es ja nur von potenten Typen, die immer können und immer Frauen finden, die sie toll finden...

Aber es gibt doch den Loser-Song, besonders im Indie und Emocore, aber geradezu prototypisch ja auch bei Becks Superhit "Loser", Offsprings "Self-Esteem" oder Radioheads "Creep". Das Problem ist doch vielmehr, dass Männer immer von einem vermeintlich universellen Standpunkt aus schreien: "Ich habe eine riesige Depression, und zwar nicht als männliches, singuläres Subjekt, sondern als Mensch, der für alle spricht!"

Meinst du also, dass, während Frauen im 2nd Wave Feminism ganz stark die Singularität einzelner Identitäten thematisiert haben - wie ist das für Lesben, für Women of Color, für Proletarierinnen -, die Männer immer noch von einer grundsätzlich uniformen männlichen Erfahrungswelt ausgehen, die letztlich auch Sexualität transzendiert? Das sollte man wirklich mal genauer untersuchen, denn diese ganzen Debatten um Maskulinität, die es Anfang der `90er mit - wenn auch merkwürdigen - Typen wie Robert Bly [Autor von "Eisenhans"] gab, sind alle wieder untergegangen, das wird einfach nicht mehr problematisiert Da muss mal wieder was passieren! | intro okt 03
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