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Harriet Potter oder was?
 
Ich will ja gar nicht behaupten, dass Harry Potter nicht spannend ist. Was mich viel mehr stört, ist: Warum machen auch in diesem utopischen Reich die Typen alles Wichtige und Spaßige unter sich aus?
(2002.09.17, 15:10)

Harriet, übernehmen Sie!

Mein erster Gedanke zum flächenbrandartigen Harry Potter-Wahnsinn war ja, ohne eines der Bücher jemals auch nur angefasst zu haben: Och, schade. Schon wieder ein Junge als Überheld und Identifikationsfigur für "Heranwachsende", der sich in eine endlose Ahnengalerie von, wiewohl unterschiedlichsten, männlichen Role Models einreiht. Es wäre doch auch zu nett gewesen, wenn Joanne K. Rowling, von ihrem Mann getrennte und (angeblich) von Stütze lebende Autorin, für ihre Tochter ein Vorbild an weiblicher Selbständigkeit geschaffen hätte. Tja, schön wär?s gewesen. Vorzeige-Mädchen Nr. 1, Pippi Langstrumpf, ist auch nicht mehr die Allerjüngste und hätte sicher gerne ein kesses Schwesterlein, das dazu noch fieberhaft von Kids und eher-nicht-mehr-Kids auf dem gesamten Erdball angebetet wird. Aber gut, ich sehe ein, dass man KünstlerInnen nicht unbedingt das Geschlecht ihrer RomanakteurInnen aus geschlechterpolitischen Gründen vorschreiben kann, vor allem, wenn Schöpferin und Held auf so schicksalhafte Weise wie Joanne und Harry in einem Zug von Manchester nach Kings Cross zueinanderfinden (NEWS berichtete).

Lesewut mit kleinen Hindernissen

Also habe ich meinen vorschnellen Gram runtergeschluckt und mir bereitwillig von einer bereits Potter-süchtigen Freundin den Riesenwälzer von Buch 4 in den Reiserucksack nach Sardinien stopfen lassen. Und ich gebe zu: auch ich, die ich alles Phantastische, Surreale und Science-Fiction-hafte normalerweise meide wie die Pest, bin sofort abgekippt ins Lesefieber. Spannend erzählen und dabei noch witzig sein kann sie ja, die gute Rowling. Aber trotzdem bin ich nach und nach über immer mehr Dinge gestolpert, die mir dann doch ziemlich sauer aufgestoßen sind. Ich verlange von SchrifstellerInnen ja nicht, dass sie die Realität zu einem Wunschzustand verzerren, aber in einem phantastischen Buch, das gewissermaßen eine Utopie darstellt und auch noch einen gewissen Vorbildcharakter erfüllt, würde ich mich schon über ein paar positive Visionen freuen.

Utopie, bitte

Ich weiß, dass wir in einer patriarchalischen Gesellschaft leben und dass Harry Potter-Bücher so besonders sind, weil sie Magie in das Vertraute und Alltägliche einfließen lassen, aber könnte man da nicht wenigstens ein paar Schrittchen weg von der männlichen Dominanz in allen Lebensbereichen gehen? Ach, bitte. Okay, Super-Harry ist ein Junge, kann ja sein, dass Joanne ihn sich partout nicht als Harriet vorstellen konnte (aber wie toll wär?s gewesen - okay, ich hör schon auf). Aber auch Dumbledore, der superschlaue, wohlwollende und väterliche Direktor der Zauberschule Hogwarts, ist natürlich ein Mann. Alle bedeutenden Positionen im Ministry of Magic sind von Männern besetzt. Und natürlich ist auch der böse Voldemort (laut Rowling eine bewusste Parallele zu Hitler) - ein Mann. So bildet sich eine Triade vom jungen Nachwuchskämpfer, dem alternden und weisen Übervater und dem fast unbesiegbaren Überbösen, wie man sie in ähnlicher Form von tausend anderen Büchern/Filmen kennt.

Hermi und der 2/3-Proporz

Die Typen machen mal wieder alles Wichtige unter sich aus - und die Frauen stehen ihnen dabei bei. Es ist ja nicht so, dass Frauen in den Büchern überhaupt keine oder nur doofe Rollen spielen würden, aber sie werden im Wesentlichen den Männern nur zur Seite gestellt, um gewisse fehlende Eigenschaften zu kompensieren. Ich würde mal sagen, im besten Falle kommt dabei ein 2/3 Proporz heraus - Hermione zur klassischen Männerfreundschaft zwischen Harry und Ron (nur ja keine Tränen vergießen, wenn sie sich mal gestritten haben, und dann ruppig und ungelenk ohne große Worte wieder zueinanderfinden), Lys?? zu den drei, eigentlich ja zwei anderen Teilnehmern im Wettkampf um den Feuerkelch, den sie natürlich als Mädchen auf dem dritten und letzten Platz verlieren muss (aber dafür gewinnt die harte und arrogante Kämpferin im Laufe des Wettbewerbs wieder zu ihrer menschlichen Seite zurück, was für eine Frau natürlich einen viel größeren Gewinn darstellt).

Mutterglucke

Schlimmstes Beispiel einer "klassischen Weiblichkeit" ist sicherlich Mrs. Weasley, die so klischeehaft alle "guten mütterlichen" Eigenschaften verkörpert, dass mir fast schlecht wird. Ganz offensichtlich ist sie der gute Geist des Hauses (soll heißen Hausfrau), der jeden Tag mit besorgter Miene auf die Heimkehr ihres wichtig arbeitenden Gatten wartet und ihm nach seiner herbeigesehnten Ankunft gleich das Essen zuschiebt. Für die Kinder macht sie, ganz typisch, die moralische, sorgende und letztendlich verzeihende Instanz - so regt sie sich fürchterlich über den rebellisch-lustigen und ganz klar als männlich grenzüberschreitenden gekennzeichneten Schabernack der Zwillinge auf, nur um sie bei der nächsten Gelegenheit heulend in ihre alles vergebenden Mutterarme zu schließen. Aber auch Rons kleine Schwester Ginny erfüllt im Buch wesentlich nur den Zweck, auf doofe Teenie-Art Superstar Harry (der doch aussieht wie ein Langweiler!) anzuhimmeln. Die Schulkrankenschwester mit den wunderbar heilenden Händen ist logischerweise auch eine Frau, die lahme Kräuterkunde wird als "häusliches" Fach von einer Frau gelehrt, die idiotische Astrologie-Ratestunde wird von einer überkandidelten Astro-Eule unterrichtet, und auch die gestrenge McGonagall ist nur ein besserer Sidekick des übermächtigen Schuldirektors Dumbledore.

Und die schlaue Hermione?

Aber aber, was ist denn mit der schlauen Hermione, höre ich es da schon rufen. Sorry, aber auch hier sprudelt?s vor Klischees. Hermione ist zwar schlau, aber eben nicht genial wie Harry. Alles, was sie weiß, hat sie sich in harter Arbeit erstrebert. Damit bringt sie wieder das Stereotyp zum Tragen, das klugen Mädchen in der Schule immer wieder begegnet: die sind halt so fleißig und lernen alles ganz brav, während Jungs einfach intelligent sind (Untersuchungen haben gezeigt, dass tatsächlich und traurigerweise viele LehrerInnen unterbewusst diesem Bild aufsitzen). Und außerdem: so richtig cool ist das nicht, die ganze Zeit die Nase in Büchern zu vergraben; ist zwar ganz praktisch für die Jungs, wenn sie mal wieder einen Zauberspruch vergessen haben, aber, ganz unter uns, die ewige Lernerei von Hermione geht Ron und Harry zeitweise dann doch ziemlich auf die Nerven. Streberinnen sind eben uncool und unlocker. Typisch ist auch, dass Hermione als weibliches Wesen die einzige mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen ist und daher die armen Hauselfen befreien will, was ihr aber nur Spott einbringt und sogar von den Elfen (die wollen es ja so! - auf die Verknüpfung von weiblicher Konnotation der hausdienernden Elfen und Servilität bzw. freiwillige Versklavung gehe ich hier ja gar nicht ein) nicht geschätzt wird.

Das feminine Böse

Interessant erscheint mir auch, dass die Bösen alle etwas stark Effeminiertes, Schwächliches an sich haben - Voldemort ist lange hilflos wie ein Baby und erinnert überhaupt an eine glitschige Schlange (= böses Weib!), Snape macht einen allein durch sein ungesundes Äußeres schon übel -, das in seiner kränklichen Dekadenz im starken Gegensatz zur überbordenden Männlichkeit des durch und durch guten Riesen Hagrids steht, oder auch zur gemütlichen Väterlichkeit von Dumbledore und Mr. Weasley.

Alte Rollen, Alltag

Und so könnte ich noch weiter und weiter bemängeln - but you get the point. Natürlich soll niemandem die Lesefreude an den unbestritten spannenden Romanen genommen werden (obwohl: den 2. Band habe ich dann nur zur Hälfte gelesen, was aber vielleicht daran lag, dass ich als erstes den 4. Band gelesen hatte...), aber bei so einem weltumspannenden Phänomen ist es doch wichtig, die augenfällig überholten Rollenbilder unter die Lupe zu nehmen. Mich wundert?s bloß, dass das sonst noch niemandem aufgefallen ist? Aber vielleicht ist das den meisten KonsumentInnen einfach nicht so wichtig. Wo?s doch unseren Alltag so schön widerspiegelt... | fm4.orf.at nov 01
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