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Marlene Streeruwitz
 
Im Clinch mit den Supertussen. Das ausführliche Interview zum Artikel über Marlene Streeruwitz' fünften Roman "Jessica, 30."
(2004.06.04, 18:00)

"Jessica, 30" beschreibt hervorragend die Situation junger Frauen in der Medienindustrie, die perfekt ausgebildet sind, sich aber quasi jeden Job erbetteln müssen und ständig in ökonomischer Ungewissheit hängen bleiben. Damit leben sie, wie es für sich auch Romanheldin Jessica formuliert, ganz anders als ihre Eltern im vergleichbaren Alter. Wie Studentinnen, aber mit der ganzen Verantwortung der "Erwachsenen". Wie ist ihnen die Idee gekommen, genau über diese Generation zu schreiben, und wie haben sie diese Stimme so perfekt getroffen?

Auf die Idee zu kommen ist nicht schwer. Ich sehe das Problem des "Gesellschaftseinstiegs" für junge Frauen rund um mich und halte es für eine neuerliche strukturelle Hürde. Besonders empörend finde ich, dass die Frage der Wahl eines Lebensentwurfs durch diese Dauervolontariate total ad absurdum geführt wird. Für junge Frauen jedenfalls wirkt sich diese verzogene Kindchensituation besonders verheerend aus.

Inwieweit unterscheiden sich die Probleme von jungen (journalistisch tätigen) Männern, die ja auch von der wirtschaftlichen Flaute betroffen sind, von denen der Frauen? Nur darin, dass Männer nicht so stark vom Schönheits- und Selbstverbesserungswahn betroffen sind, den Sie sehr pointiert beschreiben, oder auch auf einer umfassenderen Ebene?

Wie immer wirken sich strukturelle Mängel für Frauen umfassender aus. Wir werden da so ganz hineingezogen und haben kaum Möglichkeiten, uns eine Ausnahme zu erarbeiten. Das gilt fürs Aussehen wie fürs Denken. Und dann gibt es ja immer auch noch die Kinderfrage, die doch auch wieder und vollkommen traditionellerweise an den Frauen hängen bleibt. Beim patchworking.

Ist Jessica anfangs eine Feministin in nucleo, die sich erst durch das Erlebnis mit Gerhard zu einer aktiven Feministin entwickelt? Z.B. hört sie sich ja zunächst die sexistischen Kommentare Gerhards widerspruchslos an und denkt lediglich bei sich selbst, na toll, jetzt muss ich mich auch noch mit den ÖVP-Frauen solidarisieren.

Ich glaube, es gibt ein Problem zwischen Mütter- und Töchtergenerationen. Das ist die Frage der Autonomie der Töchter. Die Verführung der Mütter in dieses "Werde so wie ich", um ihren eigenen Lebensweg zu bestätigen. Das gibt es natürlich nach wie vor und immer haben die Töchter sich dem entzogen. Nun ist aber der Vorschlag so zu werden wie die emanzipierte Mutter auch in diesen Motivkreis eingeschlossen. Jessica ist also so etwas wie eine Emanzipationsschläferin. Sie weiß schon, dass es anders richtiger wäre. Sie begreift auch - wie wir alle - nur langsam, dass sie nun in einer sie bedrängenden Situation ist. Und aus Erfahrung und Überdenken entsteht eine Haltung. Die ist allerdings vorbereitet. Da haben die emanzipierten Mütter ihren Töchtern dann doch etwas mitgeben können.

Wie ist das eigentlich möglich, dass eine grundsätzlich feministisch und kritisch denkende Frau sich mit einem notorisch seine Frau betrügenden, konservativen ÖVP-Politiker einlässt?

Ach. Wie das halt so geht. Würden Sie denn so von vorneherein einen Mann wegen seiner bürgerlichen Politik gleich ablehnen? [Ja!] Wenn diese Frauen da geschlossen zum Kanzlerheurigen gehen, dann ist das doch, um so eine Art Anerkennung zu suchen. Und sich zu spielen, natürlich. Und dann können Männer ja attraktiv wirken. Oder? Und wenn frau immer gleich wüsste, was sie erwartet oder sich nur rational entschieden hätte, dann wären wir ja alle woanders. Und dann existiert ja auch noch der Charme der Verführung und ganz ohne Begehren will ich mir die Welt auch nicht denken. Und gibt es nicht auch den Anspruch jeder Generation, ihre eigenen Fehler zu machen? Jedenfalls wird das von amerikanischen Fernsehserien so propagiert.

Das Buch ist ja sehr Österreich-spezifisch, mit vielen Anspielungen auf Ereignisse aus österreichischer Politik und Zeitgeschehen. Glauben sie, das könnte bei der Rezeption in Deutschland problematisch sein?

Das denke ich nicht. Österreich ist doch ein sehr nettes Modell von Welt. Da finden sich in einen kleinen Raum zusammengeschoben alle Möglichkeiten.

Jessica ist unheimlich reflektiert, lässt sich non-stop alle wichtigen gesellschaftlichen Issues durch den Kopf sausen, schafft es aber trotzdem nicht raus aus ihrer Anpassung, ihrem Willen, doch in der "Tussenwelt" zu reüssieren. Ist das nur ökonomischer Druck, oder ist eine alternativere, linkere Welt nichts, was sie anspricht?

Ist das nicht postmodernes Fließen? Und ist es nicht genau diese Inkongruenz, die diese Haltung so unpolitisch macht? Alles durchaus durchdringen zu können und keine praktischen Schlüsse zu ziehen. Ich sehe nur Personen, die mit den Achseln zucken, wenn das Wort "poltitisch" auftaucht.

Woher kommt der starke Kontrast zu Büchern wie "Nachwelt", wo die Sätze fast durch Stakkato-mäßige Punkte zerrissen waren, und jetzt fließt alles, nur durch Kommas geordnet?

Der Gedankenstrom, der in eine Person gedacht ist, also ein Ich, das denkt, das denkt ja ununterbrochen. Da sehe ich keinen Punkt. In der Erzählung sind die Punkte notwendige Spuren der Erzählinstanz.

Warum spielen in Jessicas Gedanken Pornos so eine große Rolle?

Tja. Die Medien und die Reaktionen darauf? Ein starker Sexdrive? Eine kleine Besessenheit. Ein Bestehen auf dem eigenen Begehren. Eine tiefenpsychologische Selbstbeobachtung?

Die im Roman vorkommende Zeitschrift um die "Tussenriege" assoziieren sicherlich viele LeserInnen mit dem Frauenmagazin Woman und seiner Herausgeberin. Verstehen Sie ihren Roman auch als Kritik an oder als Gegenmaßnahme zu diesem besonders von Woman forcierten Frauenbild der Superbusiness-Frau, Supermutter und superattraktiven Sex-Partnerin? Die allgemein gerne als altbackene, aber integer bewertete Brigitte kommt etwas positiver vor, es ist ja im Roman auch von der Post-Brigitte-Generation die Rede. Aber eigentlich ist Woman doch durch die Haltung, Frauen alle Verantwortung zuzuschieben (die Männer kommen bei Haushalts- und Kinderbewältigung ja nie vor) um einiges regressiver. Glauben Sie, dass Frauenzeitungen überhaupt emanzipatorisches Potenzial haben können?

Natürlich könnte eine Frauenzeitung anders sein. Und genau die Regression von Woman gegenüber Brigitte ist auch beschrieben. Zeitschriften wie Woman verlangen doch endgültig die Selbstzurichtung der Frau zur Hure und Heiligen in einem.

Im Klappentext ihres Buches steht über Sie "eine der wichtigsten Stimmen in der deutschsprachigen Literatur" statt "eine der wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen". Glauben sie, es gibt von Seiten des Verlages die absurde Angst, ihre Werke könnten von Neulingen als "Frauenliteratur" "abgetan" werden? Was halten sie denn von diesem meistens eindeutig pejorativ gebrauchten Begriff Frauenliteratur? Warum funktioniert "Frau" in den Augen der Öffentlichkeit als negatives Qualitätsmerkmal?

Weil Frauen in den Augen der Öffentlichkeit eben nicht zur Steigerung von irgendetwas beitragen können. Alleine wenn ich in der Orientdebatte die Verwendung des Begriffs Verweiblichung des Orients lese, Feminisierung der Muslime, dann habe ich schon Anfälle von Verzweiflung, dass es so überhaupt nicht gelungen ist, dem Wort Frau ein bisschen Würde zu erobern. Das mit der Literatur, da haben Sie ein grammatikalisches Genderproblem. Bin ich nun nur eine wichtige Stimme bei den Schriftstellerinnen? Oder bin ich eine wichtige literarische Stimme? Wie finden wir einen Plural, der nicht unter dem Archilexem einengt und ausschließt und trotzdem den Vergleich auch noch zulässt? Ich bestehe natürlich schon auch darauf, eine Stimme in der deutschsprachigen Literatur zu sein. Kompromisse! Ist es nicht schrecklich, wie in jedem Satz immer einer Frau ein Kompromiss abgerungen wird!

Ich habe gehört, dass sie sich für das Nachfolgeprojekt der Volksstimme und auch für die Gründung zweier Linksparteien in Österreich* engagieren. Wieso ist ihnen das wichtig, was erhoffen sie sich davon?

Wieder Stimmen für soziale Anliegen und Minderheiten. Und damit auch für die strukturelle Minderheit Frau.

* Am 8.-9.5. gründeten in Rom 15 europäische Linksparteien, darunter die PDS und die österreichische KPÖ, die Europäische Linke, die bei der Europawahl am 10.-13.6.2004 antreten wird. Neben der EL unterstützt Marlene Streeruwitz auch die österreichische Wahlplattform Linke - Opposition für ein solidarisches Europa sowie ein am 2.6. erstmals in Wien erscheinendes monatliches Zeitungsmagazin der sozialen Bewegungen mit dem Arbeitstitel "Volksstimmen".
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