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Zuckerbabys
 
In ihrem lang erwarteten ersten Roman erzählt Kerstin Grether die Geschichte von Sonja, die von der zuckrigen Waren-Welt des Pop träumt und dabei fast verhungert.
(2004.06.23, 16:29)

Hungrige Popstars

Sonja ist eine junge Comiczeichnerin aus Hamburg, die davon träumt, Sängerin zu werden. Als sie die lässigste Mädchenband der Stadt und den Rockgott Johnny kennen (und lieben) lernt, scheint alles in ihrem Leben zu leuchten. Wenn da nicht diese ständige Unsicherheit an ihr nagen würde: Bin ich cool genug, kreativ genug, schön genug, und vor allem, dünn genug? Die simple Frage nach ihrer Kleidergröße in einer angesagten Boutique erscheint ihr wie eine Entscheidung zwischen Leben und Tod, und als Johnny sie für ein Model, wie sie glaubt, verlässt, ist es vorbei mit dem abenteuerlustigen Lebenshunger. Von da an kennt ihr Leben nur noch ein verbissenes, wahnsinniges Ziel: abnehmen.

Der zweite Teil dieses Romans, der es schafft, den scheinbar fröhlich-naiven Ton von Mädchenbüchern mit messerscharfen, poetischen Reflexionen zu verbinden, heißt folglich auch ganz schlicht: "Hunger" - während der erste Teil noch "Elan" betitelt war. Obwohl Sonja nun mit der von ihr bewunderten Frauenband auf Tour gehen darf und sogar ihr Traum erfüllt wird, selbst auf der Bühne zu stehen, nimmt sie das alles überhaupt nicht mehr wahr. Das Einzige, worum ihre Gedanken klaustrophobisch kreisen, sind die Kalorien, die sie unerbittlich abzählt und immer knapper rationiert.

Dünnsein als Verheißung des Glücks - das ist die Devise, der Sonja mit jeder Zelle nachhungert. Ein ausgemergelter Frauenkörper, glaubt sie, ist die Fahrkarte zum großen Erfolg. Überall um sich herum meint sie Anzeichen für diese These zu sehen, und obwohl sie es eigentlich besser weiß, gibt sie sich der Sucht nach dem Nichts-Werden, nach der Selbstauslöschung hin. Kerstin Grether, die schon Ende der 80er als Spex-Autorin in Erscheinung trat und gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Sandra (u.a. Ex-Parole Trixi) die männerdominierte Underground-Musikszene mit ihren Entdeckungstexten zu Riot Grrrl und vielem anderen aufmöbelte, hat mit Zuckerbabys (Ventil Verlag) nicht einfach einen Text über Magersucht geschrieben, sondern ein Psychogramm einer ganzen Gesellschaft gezeichnet. Einer Gesellschaft, die die schlanke Pink als rundlich empfindet, über Britney Spears vermeintlichen Babyspeck kichert und Frauen über den grünen Klee lobt, die so lange eisern "Diät halten", bis sie fast gar nicht mehr da sind.

Auch die zutiefst verunsicherte Roman-Antiheldin Sonja rebelliert in endlosen inneren Monologen immer wieder völlig klarsichtig gegen diese fürchterlichen, unrealistischen Schönheitsnormen, und doch beugt sie sich willig und, voll hungriger Hoffnung auf die ewig von Frauenzeitschriften gepredigte "Selbstverbesserung", dem Magerkeits-Diktat. Damit erfüllt sie letztendlich genau das, was sich eine patriarchale Gesellschaft von Frauen wünscht: dass sie die Klappe halten und nicht für Veränderungen kämpfen. Denn wer die ganze Zeit wie unter einer Glasglocke ausschließlich mit dem eigenen Körper und mit der Nahrungsaufnahme beziehungsweise -verweigerung beschäftigt ist - denn Kerstin Grethers Roman demonstriert sehr deutlich, dass die Gedanken von Magersüchtigen manisch ums Essen kreisen -, hat keinerlei Energie dafür, auf irgend etwas außerhalb des eigenen Wahns zu reagieren. Und letztlich fehlt ganz einfach auch die Kraft. Eine Frau, die ständig hungert, wird wieder zur schwachen, beschützenswerten und unselbständigen Frau, die in keiner Weise und für niemanden ernst zu nehmen oder gar eine Bedrohung ist. Wie praktisch!

So erzählt das kraftvolle, bedrückende Buch, das mit seinen scheinbaren Übertreibungen den Finger genau da drauf legt, wo's richtig weh tut, ein bisschen die Geschichte von uns allen. Diese traurige Krankheitsgeschichte, in der am Ende glücklicherweise doch noch ein wenig Hoffnung aufblüht, setzt in einer Nussschale all das zusammen, was im Großen das der Leben der meisten von uns mehr oder weniger kontaminiert. Denn an der immer krasser propagierten Fixierung auf Äußerlichkeiten kommt wohl fast niemand unbeschadet vorbei. Und wenn dieser Roman, der neben Schönheitswahn auch die sexistische Musikszene, das oberflächliche Medienbiz und neoliberale Arbeitsverhältnisse ganz smart denunziert, den LeserInnen auch nur eine Sache mitgibt, dann ganz unbedingt diese: Jungs und vor allem Mädchen, esst! Esst mit Hingabe und lasst euch den Hunger auf ein kritisches, selbst bestimmtes Leben nicht von falschen Glücksverheißungen abkaufen.

Kerstin Grether: Zuckerbabys. Ventil Verlag 2004. | fm4.orf.at juni 04
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