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Malin Schwerdtfeger
 
Ihr zweiter Roman "Delphi" dreht sich um emotionales Ausgeliefertsein in familiären Konstellationen, kulturelle Hybride und die Unzuverlässigkeit von Erinnerung.
(2004.10.07, 21:57)

Erinnert sich noch jemand an den rückentätschelnden Begriff Fräuleinwunder, der Ende der 90er wie Unkraut im konservativen Feuilleton hoch schoss? Während die Jungs geschlechterunspezifische Popliteratur erschufen, erlebten die "Frolleins" ihr "Wunder". Auf einmal interessierte sich die Öffentlichkeit brennend für die Schreibe junger Frauen, die lakonisch und unverblümt von der Lebensrealität ebensolcher Frauen erzählten, und so unterschiedliche Autorinnen wie Judith Hermann, Julia Franck, Karen Duve und Zoë Jenny wurden unter diesem antiquierten Wirtschaftswunder-Prädikat zusammengeklumpt. Auch Malin Schwerdtfeger, die 2000 bei den Klagenfurter Literaturtagen einen Preis für ihre Erzählsammlung "Leichte Mädchen" (2000) erhielt und für ihren Roman-Erstling "Café Saratoga" (2001) hymnisch gefeiert wurde, wurde auf dieser Welle mitgetragen. Während der vom Spiegel-Mann Volker Hage geprägte paternalistische Begriff schon längst im Mülleimer der hochkulturellen Hype-Maschine vergammelt, feilen diese Schriftstellerinnen weiter an ihren höchst diversifizierten Œuvres.

So steht in Malin Schwerdtfegers zweitem Roman "Delphi" wieder der Themenkomplex im Mittelpunkt, der auch schon ihre beiden vorigen Werke dominierte: das Nachdenken über das emotionale Ausgeliefert-sein in familiären Konstellationen, die ästhetische Zusammenführung unterschiedlicher Kulturen und vor allem die Unzuverlässigkeit von Erinnerung. Während die polnische SpätaussiedlerInnen-Geschichte von "Café Saratoga" sich durch ihre schnoddrige Oral-History-Anekdotenhaftigkeit auszeichnete, wird die Familien-History von "Delphi" von einer quasi unmöglichen Erzählposition aus rekapituliert. "Mich gibt es nicht. Mich gibt es nicht mehr. Ich erinnere mich an nichts", spricht die tote, allwissende Ich-Erzählerin zu Beginn des Textes. Trotzdem ist sie, jüngstes von vier Kindern und scheinbar Fabelwesen ohne Ego, die einzig verlässliche Quelle - die Betrachtungen all der anderen AkteurInnen, die auch mit einfließen, sind von deren persönlichen Interessen getrübt.

Die namenlose Erzählerin, die mit acht Jahren ertrinkt, berichtet von ihren älteren Geschwistern Linda und Robbie, von ihrer kleinen Schwester Pepita, dem von seiner Archäologie-Professur besessenen Vater, der die Familie Job-bedingt zwischen Athen, Delphi und Jerusalem herschiebt, und der orientierungslosen Mutter, die ihr Heil in der jüdischen Orthodoxie sucht. Linda und Robbie funktionieren als Geschwister-Dichotomie und verkörpern die zwei klassischen Prinzipien: "Die Geschichte spielt unter anderem auch deswegen zum Teil in Delphi, weil Linda das apollinische Prinzip repräsentiert, dieses leichte, flirrende, aber auch rationale, wissenansammelnde Prinzip. Robbie hingegen ist das dionysische, sinnlich gesteuerte, sich gerne so verlieren wollende und nur auf Gefühle geeichte Prinzip", erklärt Malin Schwerdtfeger. Aufgrund der autistisch gefärbten Elternsituation sind die beiden Teenager meistens sich selbst überlassen, führen als Hauptfiguren des Romans ein materiell abgesichertes Leben, besuchen als vermeintliche Wunderkinder Kurse der Jerusalemer Universität und basteln sich einen eigenen, quasi fantastischen Raum.

"Eine Voraussetzung für die Geschichte, die sicherlich auch ein bisschen altmodisch wirkt, war für mich, so eine finanziell behütete, vagabundierende Akademiker- oder Diplomaten Jugend nachzuzeichnen, in der der Geist viel leichter 'durchdrehen' kann. In der Kindheit ist man immer an der Grenze, sich seine eigene Welt aufzubauen. Mich hat interessiert, wie man so früh, sei es durch soziale Unterprivilegierung oder Laissez-faire-Erziehung wie im Buch, sagen kann: 'Ich schaffe mir meine eigene Welt.' Und ob das so vernünftig ist, das zu tun. Die Realität ist ja auch nicht mit Lindas und Robbies Erzählungen von sich überein kongruent. Sie fallen aus allen Wolken, wenn sie merken, dass ihre Version gar nicht stimmt - Linda, die die ganze Zeit von sich behauptet, sie sei hochbegabt, fällt irgendwann auf die Nase, weil die anderen eben nicht dran glauben."

Dieses Misstrauen gegenüber der einen, gemeinsamen Erinnerung unterfüttert das gesamte Projekt des Romans. Schwerdtfeger vermisst vor allem in der deutschen Nachkriegsliteratur eine personalisiertere, subjektivere Form des Gedenkes: "Ich glaube, aus dem politischen Sich-Erinnern-Müssen unser Eltern wurde das freiwillige gemütliche Erinnern à la Illies und Co., das nicht weh tut, sondern alles auf so einen ironischen, sentimentalen Gesichtspunkt reduziert. Aber trotzdem muss es so stimmen, denn alle müssen sich wieder erkennen können , alle müssen sich auf ein Erinnern einigen, alle müssen sich auf ein Holocaust-Mahnmal einigen, was natürlich nicht klappt, und wir müssen uns alle darauf einigen, dass wir Nutella und Playmobil toll fanden. Gegen diese gemeinsam Erinnerung will ich mich verwehren. Erinnerndes Erzählen hat zwar etwas Kollektives, aber es hat auch unglaublich viele Stimmen. Dieses Vereinfachende ist zwar lustig und unterhaltsam, aber nicht wirklich viel wert."

Malin Schwerdtfeger: Delphi. KiWi 2004. | intro aug 04
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