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Julie Doucet
 
Endlich gibt es das überdreht-autobiografische "New Yorker Tagebuch" der frankokanadischen Comiczeichnerin Julie Doucet auch in deutscher Übersetzung beim Reprodukt Verlag.
(2004.12.02, 16:49)

"New York, New York, big city a dream" denkt sich die frankokanadische Comickünstlerin Julie Doucet wahrscheinlich beflügelt, als sie im Frühjahr '91 Knall auf Fall von Montréal nach New York zieht. Der ebenfalls comiczeichnende Brieffreund, den sie dort kurz vorher zum ersten Mal besucht hat, hat sich nicht nur gerade scheiden lassen und sucht eine neue Mitbewohnerin, sondern wird praktischerweise auch noch Julies Liebster. Euphorie! Sie zieht spontan in sein Bett ein und beschreibt so in ihrem autobiografischen Comic-Tagebuch, das sie zwischen 1996-98 in vier Teilen zu Papier brachte und das nun erstmals auf deutsch beim sympathischen Berliner Comic-Indie Reprodukt erscheint, mit gebührendem selbstironischen (Zeit-)Abstand ihr Jahr in der Stadt, die sich für sie erschreckend unglamourös darstellt.

Im gewohnten, bei amerikanischen Comic Artists so beliebten "Confessional Mode", der erbarmungslos alle Details des eigenen Privatlebens ausleuchtet und diese Werke deswegen so nachvollziehbar macht, berichtet sie von der ersten Begeisterung für den Lover. Die lässt sie auch darüber hinwegsehen, dass beide auf engstem Raum in einer Mini-Bruchbude in Washington Heights, also weitab von Downtown und noch hinter Harlem, in einer abgewrackten, Furcht einflößenden Gegend hausen und als einzige Abendgestaltungsoptionen nur Pot, Acid oder Sprühsahnekartuschen auf dem Zettel stehen. Ziemlich schnell stellt sich auch heraus, dass der Freund, der nie beim Namen genannt wird, Julie nicht nur ihren Erfolg als anerkannte Comiczeichnerin neidet, nie ausgehen will und chronisch pleite ist, sondern auch manisch eifersüchtig ist und seiner Freundin mit grotesken Szenen das Leben zur Hölle macht. Nach zahllosen, teilweise lebensbedrohenden epileptischen Anfällen und einer blutigen Fehlgeburt wird es Doucet irgendwann zu bunt und sie stiehlt sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der mittlerweile als klaustrophobisch empfundenen gemeinsamen Behausung davon.

Wie immer sind Doucets schwarz-weiße Panels (die einzelnen "Kästchen") randvoll gestopft mit winzigen Details und so vielen Informationen, dass in jedem einzelnen ein ganzer Roman zu stecken scheint. Oft wirkt durch die Hervorhebung einzelner Objekte die Perspektive irgendwie schief, so dass die Erzählung einen kindlich-surrealen Touch bekommt, der durch die behandelten Sujets immer wieder konterkariert wird. Der absolut schonungslose Tonfall, in dem eigene Niederlagen, unschöne Gedanken oder intimste Erlebnisse ohne Restriktionen ausgeplaudert werden, krampft einer manchmal mitfühlend den Magen zusammen, viel öfter aber noch lässt er vergnügt aufquietschen. Dass Doucets Comic durch seinen Tagebuch-Charakter keine wirklich lineare, wohlinszenierte Geschichte erzählt, stört in dieser großartigen Graphic Novel in keinster Weise. Im Gegenteil: man möchte einfach immer weiter in Julies Leben lesen.

Julie Doucet: New Yorker Tagebuch. Reprodukt 2004. | intro nov 04
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