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Fuck Sizes!
 
Revolutionäre Handarbeiten und Feminismus. Ein Gespräch mit Beth Pickens von NoSheDidn’t Clothing über die subversive Kraft von Nähzirkeln und antikapitalistische Arbeit.
(2005.01.28, 00:29)

Während in Europa klassischer Handarbeit wie Stricken, Sticken und Nähen weiterhin das miefige Stigma patriarchal verordneter Weiblichkeit anhaftet, grassiert in Nordamerika schon seit einigen Jahren ein veritables "Crafting"-Fieber. Crafting, das als übergeordneter Begriff so gut wie alle kreativen Bastelaktivitäten umfasst, ist besonders bei jungen FeministInnen schwer en vogue. Keine popfeministische Zeitschrift oder Website, die ohne Handarbeitstipps für trendige Accessoires oder smarte Wiederverwendung von alten Materialien auskäme, denn der punkige Do-It-Yourself-Ethos wird, neben der Freude an der Reevaluierung traditionell femininer Tätigkeiten, vor allem als Statement gegen kapitalistische Verwertungszyklen geschätzt. Beth Pickens aus Columbia, Missouri ist Initiatorin eines der vielen Revolutionary Sewing/Knitting Circles, die in den USA und Kanada wie Pilze aus dem Boden schießen und ihre Kreativität mit politischen Anliegen verbinden. Daneben betreibt sie mit FreundInnen die Modelinie NoSheDidn’t Clothing mit explizitem politischen und feministischen Anspruch.


Wie bist du auf die Idee gekommen, den Missouri Revolutionary Sewing Circle und das Modelabel NoSheDidn’t zu gründen?

Meine Freundin Katie und ich wollten einen Nähkreis gründen, der FeministInnen ein lokales Forum bietet. Wir wollten einen Ort zur Verfügung stellen, an dem progressiv denkende Menschen sich zu sozialen und produktiven Aktivitäten treffen können, ohne dabei die Politik aus dem Fokus zu verlieren. Wir haben uns einen Kreis gewünscht, der in jeder Beziehung teilt: Materialien, Wissen, Informationen. Es sollte wie ein wöchentlicher Workshop sein, in dem man Skills austauscht - alle TeilnehmerInnen lehren und alle lernen von allen. Wir werfen alle unser Material zusammen, so dass wir weniger verschwenden und auch weniger Geld ausgeben müssen. TeilnehmerInnen schließen sich auch oft für Projekte außerhalb des Nähzirkels zusammen.
Während des ersten Sommer-Nähkreises 2003 beschlossen Katie und ich, eine politische und sozialkritische Modelinie zu schaffen, die wir NoSheDidn’t nannten. Auf unseren Etiketten steht: Clothing & Accessories Made For You By Feminists. Wir wollten Kleider machen, die unsere Haltung reflektieren. Dieser Wunsch resultierte aus unserer andauernden Unzufriedenheit mit den rassistischen, kapitalistischen und patriarchalischen Mechanismen der Modeindustrie. Unsere Kleidungsstücke reflektieren unsere feministische Politik auf viele verschiedene Weisen und wir alle lassen unsere speziellen Überzeugungen in die Linie einfließen. Unsere Kleider kosten z.B. nie mehr als 15 Dollar, weil wir auch für junge und schlechter verdienende KäuferInnen zugänglich sein möchten. Außerdem wollen wir ein Statement gegen Schlankheitswahn und die Diskriminierung von Übergewichtigen abgeben. Auf dem Label in unseren Kleidungsstücken steht: "Fuck sizes!" Auf unsere Kleider sind auch oft Messages aufgedruckt. Im März dieses Jahres haben wir an einer Fashion Show mit dem Titel "Pro-Choice/Pro-Fashion" teilgenommen, die Fundraising für den March for Women’s Lives für reproduktive Freiheit bzw. das Recht auf Abtreibung gemacht hat. Auf einem unserer Röcke stand: VOTE! NO BUSH!

Was ist das Revolutionäre an eurem Nähkreis?

Dass wir die Vorstellung hinterfragen, dass für die Produktion von Waren Sweat-Shop-Arbeit und ungerechte Handelsbedingungen notwendig sind. Indem wir lernen, selbst kreativ zu sein, destabilisieren wir die unterdrückerischen Handelsbedingungen des Kapitalismus. Wir ermuntern alle, Dinge wiederzuverwerten, zu reduzieren und zu recyclen. Wir machen aus hässlichen wunderschöne Kleidungsstücke. Wir versuchen, nur sehr wenig Material zu kaufen und stattdessen das zu verwerten, was es schon gibt und was ausrangiert wurde. Jedes Skill-Level ist uns genauso willkommen wie Leute, die noch gar keine Skills haben.

Inwieweit unterscheidet sich euer Zugang zum Handarbeiten von dem der vorangegangen Generationen?

Unsere Großmütter, die alles selbst anfertigten, was ihre Familie benötigte, waren revolutionäre Ladies, täusch dich da mal nicht! Was unseren Ansatz von dem unserer Großmütter unterscheidet, ist unsere bewusste Entscheidung für Handarbeit statt dem sexistischen Konzept, dass das inhärent weibliche Arbeit ist, die von allen Frauen geleistet werden MUSS. Frauen und Männer können sich für Handarbeit entscheiden, ohne dass das von vorgegebenen Geschlechterrollen diktiert wird.

Ist Handarbeit für dich ein potenziell politischer, feministischer Akt?

Handarbeit kann auf jeden Fall feministisch und politisch sein. Ich glaube nicht, dass alle Menschen auf der Welt, die gerade stricken, das als politischen und feministischen Akt reklamieren würden, aber der Kontext, in dem wir über DIY oder die Handarbeits-Kultur sprechen, ist einer, der Subversion als Existenzbedingung benutzt. Sehr viele Crafting Groups bedienen sich einer subversiven Sprache für ihre Namen (wie z.B. Stitch’n’Bitch), ihre Produkte (Pussy Power Underwear) und ihre Politics (www.mushycat.com). Der Umstand, dass junge Frauen sich frei dafür entscheiden können, zu nähen, stricken und sticken, statt es qua Geschlecht lernen zu müssen, ist für mich revolutionär. Im Feminismus geht es ja immer auch um die Freiheit der Wahl. Und wenn man eine Gruppe von Leuten mit Stricknadeln in den Händen versammelt und ein Thema wie den ungerechten Irak-Krieg in die Runde wirft, sollte man sich ordentlich vorsehen... | malmoe okt 04
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