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Karen Duve
 
Statt weiter die Malaisen der vom Selbstverbesserungswahn der Frauenzeitschriften terrorisierten 20-40-Jährigen zu sezieren, hat Karen Duve ein echtes Märchen geschrieben.
(2005.02.04, 21:14)

Was für eine Überraschung: nachdem Karen Duve mit ihrem letzten Roman "Dies ist kein Liebeslied" die Malaisen der vom Selbstverbesserungswahn der Unterhaltungsmedien terrorisierten Generation der 20-40jährigen Popinteressierten seziert hatte, hat sie jetzt ein Märchen geschrieben. Und zwar keine moderne tongue-in-cheek-Version mit SMS-Romanzen und Laptop-Ritterinnen, sondern eine ganz klassische Geschichte voller Königsfamilien, Schlösser, Drachen und Herz zerreißender Liebe. Was auf den ersten Blick vor allem für popverliebte Fantasy-HasserInnen, die den schonungslosen Nihilismus ihres letzten Romans so verehrten, schwer verdaulich wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als fesselnder Eskapismus mit goldenem Herz und tonnenweise Witz. Während die Autorin ganz bewusst der Versuchung widerstanden hat, alles mit postmoderner Ironie zuzukleistern und sich damit aus der Verantwortung des Genres zu stehlen, handeln und sprechen die Figuren in ihrem historischen Cross-Over-Setting aus verschiedensten Jahrhunderten vor unserer Zeit so, dass wir das heute auch noch mühelos nachvollziehen können. Die weder bemüht heutige noch gestrige, sondern angenehm amalgamierte Sprache macht gerne Abstecher ins Saloppe, so dass ein Prinz einen Ritter auch mal "Du Sau, du hast mir ein Bein gestellt!" anbrüllen kann, woraufhin der zurückpatzt: "Du bist über deine bekloppten Schuhe gestolpert. Selber schuld." Der elaborierte, ungeheuer spannend vorangetriebene Plot um die schöne, arme, stolze Prinzessin aus dem kargen, ungehobelten Nordland und den verwöhnten, reichen, nihilistischen Prinzen aus dem paradiesischen Südland verhandelt allgemein Menschliches wie Machtdynamiken in Liebesbeziehungen, das Nichtgenügen gegenüber elterlichen Ansprüchen und den sprichwörtlichen "Rite of Passage", ohne dass den LeserInnen dabei hinter jeder Ecke eine Allegorie auflauert.


Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nach "Dies ist kein Liebeslied", das ja eine Art düsterer Poproman um Selbsthass, unerfüllte Liebe und Bulimie war, so ein luftiges Märchen zu erzählen?

Die beiden Bücher hängen sogar ursächlich miteinander zusammen. Während ich "Dies ist kein Liebeslied" geschrieben habe, bekam ich irgendwann eine schwer depressive Phase. Es ging mir richtig schlecht damit, da es ja so einen durchgehenden, finsteren Ton hatte und so angelegt war, dass sich die Hauptperson nicht entwickeln wird. Ich habe das dann unterbrochen und einfach angefangen etwas zu schreiben, das mir Spaß bringt. Das war der Anfang von "Die entführte Prinzessin". Zuerst habe ich das nur für mich gemacht, das andere Buch nach einem Monat doch zu Ende geschrieben und dann meinen Verlag gefragt, ob sie auch ein Märchen herausbringen würden, weil mir das besser gefiel, als ich erwartet hatte. Das war so ein ganz befreiendes, lustiges Schreiben, ohne da selbst allzu sehr involviert zu sein. Es war so eine richtige Entlastung.

Haben Sie befürchtet, dass man Ihnen dieses höchst opulent ausgeschmückte Märchen in Zeiten von Sozialabbau und Rezession auch als Eskapismus auslegen könnte?

Mir war ziemlich schnell klar, dass das Buch etwas mit Eskapismus zu tun hat. Wobei das nicht heißen muss, dass man davon nur betäubt wird und dabei eindämmert. Eskapismus kann trotzdem geistig erfrischend sein. Meine ersten eigenen Leseerfahrungen hatten auch immer etwas mit Eskapismus zu tun, denn das bedeutet auch einen Ausweg zu finden aus der Welt, in der man sich gerade befindet. Ich denke nicht, dass das Buch einen so völlig in einem Fantasie-Universum versinken lässt, denn ich habe - wenn auch unabsichtlich - einen kleinen Fehler eingebaut: An vielen Stellen finden sich ironische Einsprengsel, die ja eigentlich den Tod von Eskapismus bedeuten. Denn wenn man wirklich in einem Buch versinken will, dann darf keine Ironie drin sein, dann müsste das bierernst sein. Ich habe aber auch versucht, das ein bisschen zurückzunehmen, das sollte nicht so ein Dauergag werden. Im Nachhinein finde ich, ich bin so auf halber Strecke geblieben.

Ihr Umgang mit Sprache wirkt auf angenehme Weise nicht bemüht antiquiert, sondern oftmals auch sehr lustig und salopp. Wie war Ihr diesbezüglicher Zugang zu diesem eindeutig historischen Setting?

Die Figuren geben sich schon Mühe. Die würden nicht "okay" sagen. Gegenwart hat oft so etwas Hässliches. Das fängt bei der Kleidung an und wie die Leute sprechen. Ich war zuerst versucht, sie etwas erhabener sprechen zu lassen. Sie bemühen sich dann später auch, ständig höfisch zu wirken. Im Gespräch fangen sie mit höfischen Floskeln an, können das aber nicht durchhalten. Ich denke auch, dass das früher die Ritter nicht immer geschafft haben. Es haut eben nicht immer hin, höfisch zu funktionieren.

Würden Sie sagen, dass Sie trotz des prächtigen Dekors und der fantastischen Handlung universelle Erfahrungen thematisieren?

Die drei Hauptfiguren könnten auch in einer Berliner WG leben, nur die Deko ist ein bisschen anders! Ich wollte ein Märchen schreiben, weil das eine Form ist, in der ganz existenzielle Probleme auf eine sehr schlichte und auch naive Art erzählt werden können. Man hat die Möglichkeit, wichtige Sachen scheinbar oberflächlich zu thematisieren, indem man die Figuren alles ausagieren lässt, ohne viel zu psychologisieren. Man trägt dann halt ein bisschen dicker auf - der notorisch mit seinem Sohn unzufriedene Vater des Ritters Bredur will ihn beispielsweise immer gleich ganz umbringen! So was hört man ja selten von seinen Eltern - jedenfalls nicht so offen. Dadurch, dass es so scheinbar oberflächlich daherkommt, wirkt es auch ganz unaufdringlich, aber trotzdem treiben die Protagonisten dieselben Dinge um, die auch moderne Menschen beschäftigen.

Das Buch sprudelt über vor pittoresken Ideen. Eine besonders wichtige Rolle neben all den Ungeheuern und merkwürdigen Pflanze-Tier-Hybriden spielen ja die Hofzwerge. Wie kamen Sie darauf?

Wenn die Sachen ganz seltsam sind und man denkt, das ist jetzt aber ein bisschen weit hergeholt, dann sind sie meistens echt. Dass die Hofzwerge, zu denen ich viel recherchiert habe, in Papageienkäfigen herumgeschleppt wurden oder bei Tisch aus Pasteten springen mussten, gab es tatsächlich. Am russischen Zarenhof wurden parallel zu regulären Hochzeiten Zwergenhochzeiten inszeniert. Es wurden auch Zwerge gezüchtet - auf diese ganz unangenehmen Seitenaspekte habe ich dann aber verzichtet. Fürst Pückler hatte tatsächlich einen Zwerg, der für das Panaroma immer auf einer Bank gegenüber von einer Pyramide sitzen musste. Er hatte auch einen arbeitslosen Soldat angestellt, der als Eremit in einer Höhle leben und zweimal am Tag rauskommen und ein Buch lesen musste. Ich fand das interessant, weil es die Tendenz heute auch gibt. Die Zeitschriftenläden sind voll von Dekorationsheften für Leute, die aus dem Alter draußen sind, wo sie sich gerne schöne Klamotten kaufen, und stattdessen die Serviettenringe auf die Regale abstimmen. Das gab es damals schon, bloß in einem größeren Stil.

Karen Duve: Die entführte Prinzessin. Berlin: Eichborn 2005. | intro feb 05
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