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Zwischen Spiegel und Quartett
 
Die bestsellende Jungautorin Judith Hermann hat ihr zweites Buch mit Erzählungen veröffentlicht und schickt ihre großbürgerlichen ProtagonistInnen auf die Suche nach der ganz großen Geste.
(2003.04.14, 15:02)

Judith Hermann ist so eine Schriftstellerin, der unsereins gerne mit einem dicken Batzen Misstrauen im Knopfloch gegenübertritt. Zu lautstark waren die Lobesschreie der seriös feuilletonistischen Altherrenriege um Reich-Ranicki und Karasek, zu groß war die Einigkeit an allen Ecken und Enden, hier eine "hervorragende Autorin" hervorgezerrt zu haben, zu unangenehm das Brouhaha um das vermeintlich so schön-geheimnisvolle Porträtfoto der jungen Frau, das auf ihrem ersten, bestsellenden Erzählband "Sommerhaus, später" (1998) zu begutachten war.

Das alles gab so ein hübsch geschnürtes Paket ab, an den Ecken gut abgerundet, so dass sich niemand dran stoßen konnte: im Verein mit dem abgehobenen Medienimage verströmten die Texte trotz schmissiger popkultureller Referenzen aufgrund ihres absichtlich unaufgeregten und doch sehr poetischen, fast preziösen Erzählstils den dezenten Odeur großbürgerlicher Gelassenheit, in dem soziale Issues - außerhalb von oberflächlichen Hipnessdiskursen - keinen Platz hatten. Und darauf einigt man sich dann wohl gerne zwischen Spiegel und Quartett.

Nachdem alle nun gebannt auf den ersten Roman gewartet hatten, legt Frau Hermann selbstbewusst einen zweiten Erzählband nach und wirkt dabei in ihrer Themenauswahl deutlich gesetzer. Während im ersten Buch ihre jungen Bourgeois Bohemians immerhin noch Ween und Trans Am lauschten und crazy verdrogte Night-Life-Exzesse hinlegten, haben sie jetzt Familie oder Beziehungen, reisen privilegiert durch die Weltgeschiche und hören Tom Waits und Ray (sic!) Cooder.

In sieben Erzählungen schreibt die Autorin vom Emotionshaushalt vereinsamt wirkender ProtagonistInnen, die alle auf ihre Weise zwischen Liebe und Verrat pendeln und nach etwas zu greifen scheinen, das es vermutlich nicht gibt. In jeder dieser Geschichten sucht Hermann nach der ganz großen Geste, die durch die Einbettung in die gewollt lakonische Erzählweise noch mal überhöht werden soll. "So etwas wie dich habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen", sagt der neue, betrügerische Lover der Freundin der Protagonistin Liebe-auf-den-ersten-Blick-mäßig zur Protagonistin. "Erinnerst du dich noch daran, wie ich mich in Jonas verliebt habe!", ruft eine andere Frau in Anspielung auf einen gemeinsamen Freund ihrem Mann aus dem Fenster hinterher, und Jacob sagt seiner Freundin: "Ich möchte mit dir alt werden." Das Scheitern dieser Gesten ist natürlich schon in ihnen selbst angelegt, doch trotzdem strapaziert das Pathos aus dem Tiefkühlfach auf Dauer die Nerven.

Sicherlich, Judith Hermanns Geschichten fließen leicht und gefällig dahin, sind spannungsreich erzählt und bieten eine große, meist nachvollziehbare Palette an abgründigen Gefühlen, doch irgendwie verbreitet mir das alles zu viel behütet-bohemistischen KünstlerInnen-Schick, der von gesellschaftlichen Debatten nichts wissen will. Ich gehöre wohl auch einfach nicht zu den Leuten, die ihren Freundinnen ein poetisches "Liebe, geht es dir gut?" auf Zettelchen pinseln.

Judith Hermann: Nichts als Gespenster. S. Fischer 2003 | intro märz 03
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