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Scout Niblett
 
Auf ihrem dritten Album "Kidnapped By Neptune" flirtet die Meisterin der Reduktion mit Grunge, Wutausbrüchen und Astrologie und lehrt uns ihre Version von Catchiness.
(2005.07.27, 20:28)

Das also ist Scout Niblett. Dieser schlanke Grunge-Junge mit dem rausgewachsenen Kurzhaarschnitt, der im Holzfällerhemd und baggy Jeans am Bühnenrand der Londoner Scala Soundcheck für das Konzert am Abend macht. Da steht die 31-jährige Frau, die mit absolut minimalistischen Mitteln, oft nur mit Schlagzeug und Gesang, in jedem Stück neu austestet, was ein Song in völliger Nacktheit leisten kann. Die brüllt, murmelt, auf ihren Worten rumkaut und irr-assoziative, wunderschöne Texte singt, die in scheinbarer Schlichtheit abgründige Bedeutungsebenen erschließen. Die mediale Persönlichkeit der in den USA lebenden Engländerin, die sich auf Fotos und auf der Bühne gerne mit einer blonden Langhaarperücke inszeniert und in ausufernden Schreiattacken watet, ist in dem supercool-androgynen Styling noch nirgends zu entdecken. Auch später, beim Konzert mit Electrelane, schlüpft sie nicht in diese andere Bühnenpersona, sondern hängt sich einfach eine neonorangene Bauarbeiterweste um und spielt, allein mit Gitarre und Schlagzeuger, ihren unkategorisierbaren Reduktions-Grunge. Und dekonstruiert mit großer Lust die Vorstellungen davon, wie eine Frau in der Öffentlichkeit zu agieren hat: "Isn’t it great that I get paid to scream my head off in public?"

2000. Scout, die eigentlich Emma Louise Niblett heißt und sich nach der Protagonistin aus Harper Lees Roman "To Kill a Mockingbird" (*1) benannt hat, drückt Jason Molina von Songs:Ohia ein Demo in die Hand. Vorher hat sie ihre Stücke schon an unzählige Labels rausgeschickt - ohne Reaktion. Als 21-jährige Kunststudentin hatte sie von einem Freund eine Gitarre geschenkt bekommen, aber bereits als Musik-verrücktes Kind, als Emma auf ihrem Klavier und ihrer Geige Melodien erfindet, heimlich ihre Klavierlehrerin anhimmelt und sich von Musik "mehrmals das Leben retten lässt", ist eigentlich schon klar: Es muss Musik sein. In einem Schulaufsatz, in dem sie sich als 10-jährige ihr Leben mit 30 vorstellen soll, schreibt sie, dass sie Komponistin sein wird. Das ganze Blatt ist mit kleinen Noten vollgemalt. Kurz nach ihrem Zusammentreffen mit Molina meldet sich sein Label Secretely Canadian, denen er das Tape ohne Scouts Wissen weitergegeben hatte, bei ihr. Sie wollen eine Platte machen. Scout ist perplex. Nur ein Jahr später erscheint ihr Debüt "Sweet Heart Fever" bei Secretely Canadian, 2003 singt sie auf Songs:Ohias Magnolia Electric Co., geht auf Welttour, veröffentlicht ihre EP "I Conjure Series" und ihr zweites Album "I Am", das sie mit Steve Albini in seinem Electrical Audio Studio aufnimmt. Für ihre neue Platte "Kidnapped By Neptune", die, wie auch schon "I Am", dieses Mal allerdings exklusiv, bei Too Pure erscheint, war sie wieder bei Albini, dem "king of drum sounds", in Chicago.

Wenn man Scout Niblett hört, hat man das Gefühl, jedes Instrument würde zum ersten Mal gespielt. Nicht, weil man noch nie derartige Töne gehört hätte, sondern weil jede Soundquelle ganz deutlich für sich steht und die konventionellen Grenzen jedes der wenigen Instrumente, ihrer Stimme und des Geschmacks der ZuhörerInnen zerdehnt werden. Mit so viel Hingabe und Intensität wurde sich selten einem Gitarrenakkord, einem Drumbeat, einer Gesangslinie gewidmet - und viel mehr ist auch selten drin in einem Scout-Song, eher weniger. Alles wirkt bis zu einem gewissen Punkt verhalten, geht aber mit einer sonst ungehörten Dringlichkeit des Ausdrucks bis zum Anschlag. Scouts Stücke sind extrem leer, spartanisch, pur, und trotzdem schwimmt diese Musik in einer Intensität, die fast unheimlich ist. Als ich mit Scout meine Begeisterung darüber teilen will, dass hier das Wagnis eingegangen wird, auf jegliche Konvention bei der Melodieführung zu verzichten und die Songs gerade deswegen so eindringlich wirken, ist sie ehrlich verblüfft: "Ich muss jedes Mal daran erinnert werden, dass meine Melodien scheinbar so schwer zugänglich sind. Für mich ist das nämlich totaler Pop, das ist das, was ich für normale Melodien halte. Ich empfinde das als super catchy!"

Die Nordengländerin, die seit drei Jahren durch die USA vagabundiert und mittlerweile ihre Zelte in Oakland aufgeschlagen hat, erliegt nie der Versuchung, immer noch ein bisschen mehr draufzupacken, weil es doch so gut ist, sondern alles ist im Gegenteil aufs Magerste filettiert. Das zeigt sich beispielsweise auch im Booklet ihres neuen Albums, das so schlicht und leer ist, dass die wenigen (foto)grafischen Elemente mit fast enigmatischer Bedeutung aufgeladen werden. Für die Künstlerin selbst bedeutet diese Reduktion keine künstliche Zurückhaltung, sondern ist ihr im Gegenteil ein natürliches Bedürfnis: "Vielleicht bin ich daran gewöhnt, gar nicht so viele Geräusche wahrzunehmen. Die Sounds, die ich in der Musik von anderen mag, sind immer sehr simpel. Das hat mir wahrscheinlich gezeigt, dass ich nicht viele Elemente brauchte, um die Musik zu machen, die ich gut finde. Ich bewundere Bands wie Shellac, wo Todd Drainer drei Minuten lang alleine Drums spielen kann, bevor Steve Albini mit der Gitarre dazu kommt. Auch die Breeders machen das ganz toll, sie wissen, wie sie zeigen können, was ihre Instrumente alleine vermögen und wie sie dabei nicht ihren ganzen Sound zumüllen. Sie geben jedem einzelnen Instrument Platz zum Atmen. Ich selbst höre einfach diesen kargen, verletzlichen, rohen Sound am liebsten."

Ihr Background in Performance Art - sie studierte in Nottingham, wo sie Sprech-, Video- oder Musikperformances aufführte und zum ersten Mal die zum Markenzeichen gewordene Perücke verwendete -, zeigt sich deutlich im tentativen, austestenden Charakter ihrer Stücke, die jedes Mal neu aus der Situation heraus entstehen. Ihr Zugang zu ihrer eigenen Kunst ist dementsprechend auch kein reflektiver, sondern ein fast spiritueller - auch die zahlreichen Anspielungen auf astrologische Konstellationen sind durchaus ernst gemeint (*2) -, was sie in die Nähe von Cat Power rückt, mit der sie aufgrund ihrer expressiven, gepeinigten Stimme oft verglichen wird. Im Interview vermittelt die extrem freundliche, vergnügte Musikerin beinahe den Eindruck, sie sähe sich nur als Gefäß für den künstlerischen Ausdruck, der sich quasi unabhängig von ihrem Wollen in ihr Bahn bricht. Tragende Emotionen wie Schmerz und Wut sind in ihrer Musik, ihren Texten und ihren eruptiven Stage Performances zentral, aber sie setzt den Überschuss an Bedeutung, der dabei generiert wird, einfach frei. Lässt ihn los und wirft ihn den anderen zur Deutung oder Nicht-Deutung vor die Füße. Oft haben ihre Texte den Charakter eines "Appell an sich selber" - "I smell fear cooking somewhere ‘round here / Come on Scout relax nothing’s yours anyway" in "Good To Me" - oder einer ganz grundsätzlichen Versicherung der Umwelt und des Selbst (in einer ihrer alten Wohnungen hing statt eines Spiegels ein Zettel mit der Aufschrift "I am Emma"). Dazu gehört auch Scouts Besessenheit, Worte und Namen in Songs auszubuchstabieren: Auf ihrer EP buchstabiert sie "Linus", auf der neuen Platte jault sie: "Everybody needs someone to spell out their name / In a little song." Auf diesen immer wieder auftretenden Buchstabier-Komplex angesprochen, meint die Künstlerin: "Wahrscheinlich entstehen diese Songs aus dem Bedürfnis, das Gefühl zu haben, dass man jemanden auf seiner Seite hat, dass man nicht alleine ist und dass es Leute gibt, die an einen glauben." | intro juli 05

*1: Scout Finch ist die Hauptprotagonistin und Erzählerin von Harper Lees 1960 erschienenem, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman "To Kill A Mockingbird", der zu Zeiten der Depression in Alabama spielt und um einen rassistisch motivierten Vergewaltigunsprozess kreist. Scout, die zu Beginn der Geschichte sechs Jahre alt ist, ist mit ihrer Vorliebe für "undamenhafte" Kleidung und Aktivitäten eine der wichtigsten Verkörperungen des Typs des Tomboys, der sich besonders in der Literatur des amerikanischen Südens findet und im Kontrast zum Ideal der ultrafemininen "Southern Belle" steht. (zurück)

*2: "Ja, ich bin Astrologin. Ich beschäftige mich seit zehn Jahren damit. Ich selbst bin Waage. Neptun ist der Planet, den alle in ihrem Chart haben. Aber mich hat Neptun durch seine Position seit zwei Jahren besonders massiv beeinflusst. Neptun ist irgendwie ja auch der Planet der MusikerInnen. Er ist der Herrscher des Meeres, was wiederum mit dem Unterbewusstsein und einer gewissen Grenzenlosigkeit zu tun hat. Daher kann man sich schnell mal verloren oder desorientiert fühlen. Darum geht es auch beim Titel meiner Platte: I don’t really know who I am as much as I used to know." (zurück)

Hier gibt's das extra lange Interview mit Scout Niblett zum Nachlesen.

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